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D-Day : Held aus Zufall

  • -Aktualisiert am

Harveys Lastwagen fuhr die Straßen entlang. Überall Verstecke, aus denen er beschossen wurde, aber dank Funkgerät und ausgezeichneten Informationen kamen sie sicher durch das Schlimmste. Sie hielten an einem Kloster, in dem sich die Nazis einquartiert hatten und das jetzt verlassen da lag. Nur ein Toter in Uniform lag in der Eingangshalle. Mein Vater beugte sich hinunter, wollte ihn umdrehen, und es hätte ihn wohl erwischt, wenn sein Kommandeur ihn nicht rechtzeitig zurückgehalten hätte. Die Leiche war mit einem Sprengsatz versehen. In dieser Nacht schlief mein Vater in einem duftenden Obstgarten. „Und was noch?“ fragte ich meinen Vater. „Etwas später hielt ich in Bayeux. Kaufte mir einen Füller.“ Ich konnte es nicht fassen. „Du hast einen Füller gekauft?“ Er sah mich hilflos an. „Es ist so schwer, sich zu erinnern ... Ich erinnere mich nur an unwichtige Dinge.“

„Wenn du es so sehen willst“

Aber Harvey wurde verwundet. Er hat einen Granatsplitter in der Seite, das weiß ich, weil es 1991 bei einer routinemäßigen Röntgenuntersuchung festgestellt wurde, nachdem Harvey siebenundvierzig Jahre geglaubt hatte, der Splitter sei entfernt worden. „Ach, das ist etwas anderes. Das war, kurz nachdem ich den Füller gekauft hatte.“ Zuerst will er nicht darüber reden. Ein paar Tage nach dem Füller-Einkauf war mein Vater offenbar wieder in dem Obstgarten. Es war mitten in der Nacht, er wollte Tee machen, wie man es im Krieg machte, indem man eine Keksdose mit Sand füllte und etwas Benzin darüber gab und dann anzündete. Das hätte er nicht tun sollen. Die Flammen wurden bemerkt, und eine Granate kam angeflogen. Harvey weiß nicht, wie viele Leute starben. Vielleicht zwei, vielleicht drei. Papa, sage ich, es war halt ein blöder Fehler. Wir alle machen so viele Fehler in diesem Alter, aber normalerweise führt es nicht dazu, daß jemand stirbt. „Aber es war meine Schuld.“ „Ach was, es war ein Versehen.“ „Ja, ja“, sagt Harvey, mir zuliebe, leise weinend. „Wenn du es so sehen willst.“

In einem Sanitätstransporter wachte er auf, rechts und links neben ihm zwei tote deutsche Soldaten, die es an einem anderen Ort erwischt hatte. Für ein paar Wochen war sein Krieg zu Ende, während er sich in England erholte. Als er an die Front zurückkam, in den letzten Kriegsmonaten, tat er ein paar bemerkenswerte Dinge. Er erwischte einen hohen Nazi. Er half bei der Befreiung von Belsen. Er beteiligte sich am Wiederaufbau Deutschlands. Doch am wichtigsten für ihn sind die Wochen in der Normandie. Die Fehler, die er machte, die Dinge, die er nicht tat, wieviel Glück er hatte.

„Ich war nicht tapfer“

Zum Schluß fragte ich ihn, ob er finde, daß er in der Normandie tapfer gewesen sei. „Ich war nicht tapfer! Ich mußte nicht tapfer sein ... ich war nicht Bert Scaife! Ich war nicht als einzelner tapfer, so sollte man es vielleicht sagen.“ Ob er deswegen nicht darüber spreche? „Nein, eigentlich nicht ... Wenn einem klar wird, daß man beim Töten einfacher Menschen mitgemacht hat, also das ist doch ein schrecklicher Gedanke. Nach dem Krieg war ich ein Jahr in Deutschland, als Soldat, ich habe mich mit einfachen Deutschen angefreundet. Fast hätte ich eine junge Deutsche geheiratet, ein Bauernmädchen mit einem kräftigen Gesicht. Nettes Mädchen. In ihrem Elternhaus hing das Foto ihres Bruders, in Nazi-Uniform, etwa achtzehn. Er würde nicht mehr heimkehren. Mein Kumpel, mit dem ich sie besuchte, drehte das Foto um. Aber ich sagte Nein. Das sind doch einfache Leute. In diesem Krieg hat es soviel Schlimmes gegeben. Und dann gab es Leute wie diese, einfache Leute.“

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