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D-Day : Held aus Zufall

  • -Aktualisiert am

Im November 1943 war die Grundausbildung beendet. Sie wurden nach Suffolk verlegt, Harvey kam in das 6. Sturmregiment der Pioniere. In der Woche nach Weihnachten wurden sie mobilisiert. „Das heißt, unsere Einheit war offiziell im Krieg. Ja, so war es wohl. Das bedeutete, daß sie einen erschießen konnten, wenn man desertierte oder so.“ Es folgten sechs Monate Regimentsausbildung, Panzerausbildung, wie man einen Panzer fährt, wie man unter einem schläft, wie man ihn repariert. Aber Harvey glaubte noch immer, nicht vor 1945 an die Front verlegt zu werden. Man mußte neunzehn sein. Als der Rest der Einheit nach Calshott versetzt wurde, ging er nach Felixstowe. „Zu den alten Kerlen von der Heimatarmee. Aber ich war nur drei Wochen dort. Dann wurde das Gesetz geändert, auf einmal ging es auch mit achtzehn. Also war ich dran.“

Ich wußte, es war Ernst

Harvey würde in den Krieg ziehen. Diesen letzten Monat verbrachte er mit dem Regiment in den Wäldern von Fawley. Am 3. Juni erhielten sie den Marschbefehl. „Sie haben uns die Wahrheit gesagt. Wo es hingeht, King Beach, und wann. Ich hoffte, ich würde in einem der Panzer mitfahren, aber im letzten Moment hieß es, ich sollte als Funker auf dem Lastwagen unseres Kommandeurs mitfahren. Die Jungs fanden das ziemlich komisch. Ich ganz allein mit dem Chef.“
Am fünften Juni gegen 23 Uhr ging es los. Sie hatten am Morgen landen sollen, aber die Wetterverhältnisse waren viel zu schlecht. Es war noch immer grauenhaft - jedem wurde übel. Während der Überfahrt sah Harvey sein erstes britisches Kriegsschiff, ein riesiges, graues Monster, das in diesem Moment eine Salve aus den 40-Zentimeter-Geschützen abgab, so daß es hin und her geworfen wurde. „Da begriff ich. Es war mir nicht klargewesen. Ich wußte, es war Ernst.“

Doch für Harvey sollte es lange nicht so ernst werden wie für viele Tausende vor ihm. Er landete nicht um sechs Uhr morgens, er landete nicht in einem Panzer (viele „implodierten“ durch Handgranaten, die in sie hineingeworfen wurden), und er landete nicht als Amerikaner am Omaha-Abschnitt. Er hatte, ohne es zu wissen, schon sehr viel Glück gehabt. Gegen Mittag näherte er sich dem relativ ruhigen Abschnitt King Beach und wartete, während der Regimentskommandeur mit einem amerikanischen General an Bord diskutierte, der eine Landung für viel zu riskant hielt.

Ich erinnere mich nur an Unwichtiges

Zwei Stunden später fuhr er an Land. So viel Erfahrung, die rücksichtsvoll über Jahre hinweg hätte verteilt werden sollen, erlebte mein Vater an diesem einen Tag, zusammengepreßt in vierundzwanzig Stunden. Zum erstenmal war er im Ausland, zum erstenmal auf See, zum erstenmal sah er eine Leiche. „Ich schaute vom Lastwagen hinunter. Überall lagen die Leichen junger deutscher Soldaten. Sie sahen aus wie wir, genausogut hätten wir das sein können. Es war grauenhaft. Und wir hatten inzwischen gehört, daß Major Elphinstone, unser Major, in dem Augenblick gestorben war, als er mit seinem Panzer an Land gegangen war. Er streckte den Kopf aus dem Panzerturm und peng - erwischte ihn ein Scharfschütze. „Aber du mußt schreiben, daß ich einen leichten Tag hatte. Für mich war es total leicht. Die Arbeit war schon getan. Alles war schon erledigt. Ich war kein Bert Scaife.“ Wer? „Einfach jemand, und am Ende des Tages war er eine Legende - hatte ganz viele erwischt, all diese Granatwerfer erledigt -, wurde später ausgezeichnet. Ich war kein Bert Scaife. Ganz und gar nicht.“

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