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D-Day : Held aus Zufall

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Ein einfacher Mensch in extremen Verhältnissen

Ein einfacher Mensch wird in extreme Verhältnisse geworfen. Es ist nicht Private Ryans Krieg oder Steve McQueens Krieg oder Bert Scaifes Krieg (mehr zu Bert Scaife später), sondern Harvey Smith' Krieg. Wenn er irgendeine Bedeutung hat (mein Vater hat es nicht groß mit der tieferen Bedeutung von Dingen), dann die, daß Kriege von ganz normalen Menschen geführt werden. Neben Helden und Märtyrern, Unteroffizieren und Generälen eben auch Millionen durchschnittlicher junger Männer, die, kaum der Kindheit entwachsen, einfach hineinstolpern.

Harvey war so jemand. Arbeitersohn aus East Croydon, der nicht auf die Oberschule gehen durfte, weil (so die Familienlegende) seine Mutter nicht das Geld für die Schuluniform bezahlen wollte. Er wußte nicht so recht, was tun. Mit siebzehn war er zu jung für die Armee, aber als er am Rekrutierungsbüro vorbeikam, sprach er vor. Sie notierten seine Angaben und erklärten, daß man ihn einberufen werde, sobald er siebzehneinhalb sei. „Da fühlte ich mich ein bißchen als was Besonderes, und als Teenager will man das doch, stimmt's?“

Tun, was getan werden muß

Im Mai 1943 erhielt Harvey die Aufforderung, sich zur Grundausbildung in Preston einzufinden. Zum erstenmal verließ er London. „Ich fand, daß ich ganz anständig aussah, Flanellhose und Sportjacke. Aber niemand sagt einem, wie furchtbar kalt es in Preston ist ... Ich hab' so was von gefroren, im Mai!“ Er wurde zum Friseur geschickt, mußte auf einer dünnen Strohmatratze schlafen, die er gleich am ersten Tag selbst füllte. Und ständig wurde exerziert, auf und ab, auf und ab. Es gab eigenartige Vorschriften, und andauernd brüllte jemand. „Das war wohl dazu gedacht, um aus Zivilisten Soldaten zu machen. Ich weiß noch, daß ich angebrüllt wurde und eine Strafe bekommen sollte, weil ich mich nicht rasiert hatte. Aber ich hatte mich noch überhaupt nie rasiert ... Letztlich konnten sie mir nichts anhängen.“

Dreizehn Wochen später „passierte etwas Gutes ... gut verglichen mit dem anderen.“ Harvey kam zur Funkerausbildung nach Aldershot. Immer wieder sagt er, es sei genauso gewesen wie bei mir, als ich auf der Schule war. Aber ich habe die Abschlußprüfung nicht mit dem Gefühl gemacht, daß gute Aussichten bestanden, innerhalb der nächsten Monate erschossen zu werden. „Nein, so darfst du es nicht sehen. Man hat es einfach gemacht.“ Aber das sagen alle - was heißt das konkret? „So war es eben“, sagt mein Vater unwirsch. „Typisch britisch. Man tat, was getan werden mußte.“

Viele haben es nicht ausgehalten

Mehrmals sagt er das. Er sagt, was er glaubt sagen zu müssen, und tags darauf ruft er mich zu Hause an, um sich, etwas bedrückt, zu korrigieren. „Nein, es stimmt nicht ... viele haben es nicht ausgehalten. Wir hatten so jemanden ... ganz schlimm. Hoffnungsloser Fall. Kam aus London, wie ich. Ein intellektueller Typ, das Haar im Gesicht, furchtbare Akne. Interessierte sich für Fotografie, genau wie ich, wir haben uns unterhalten. Aber er mußte immer strafexerzieren - weil seine Haare oder die Uniform nicht tipptopp in Ordnung waren. Eines Tages hatte ich Dienst mit ihm, und plötzlich taucht der Sergeant auf. Regt sich furchtbar über die Haare auf. Der Arme mußte wieder strafexerzieren. Später hat er sich dann umgebracht. Hat sich in einer deutschen Baracke aufgehängt, genau am Ende des Krieges.“

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