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D-Day : Held aus Zufall

  • -Aktualisiert am

Vor einem Jahr dann fuhr ich in die Normandie, um eine amerikanische Dichterin zu besuchen. Sie war gerade dabei, ein Werk über den sozialgeschichtlichen Hintergrund dieser Region zu schreiben, und fuhr mit mir an den Strand, wo wir schwimmen gingen und in der Sonne saßen. Erst nach absurd langer Zeit fiel mir ein, daß dies womöglich der Strand war, an dem mein Vater neunundfünfzig Jahre zuvor gelandet war. Als ich der Dichterin davon erzählte, wollte sie Einzelheiten erfahren, doch ich wußte keine. Es wurde ein geschichtsgesättigter Tag. Sie zeigte mir Juno Beach, die Felsen, in denen sich die Scharfschützen versteckt hatten, die unübersichtlichen Hecken, die sich als todbringend erwiesen hatten, und schließlich den amerikanischen Soldatenfriedhof. Abertausende kleine weiße Kreuze, viele mit einem Davidstern versehen, in endlosen Reihen auf dem manikürten Rasen. Wie sich zeigt, bin ich meinem Vater sehr ähnlich: Ich breche in Tränen aus.

Erfüllt von journalistischem Tatendrang, kehrte ich nach Hause zurück. Ich besorgte mir ein Diktiergerät. Damit schien die Sache schon halb erledigt. Ich sah mich als unerschrockene Wahrheitssucherin, die die ergreifenden Kriegserlebnisse eines Mannes herausfindet, der darüber nicht sprechen konnte, weil es so schmerzhaft war. Doch als ich in Felixstowe ankam, stellte ich fest, daß mein Vater die Idee gar nicht so schlecht fand. Wir aßen im Garten zu Mittag, und dann stellte er sorgfältig das Mikrophon auf.

„Für mich gab es nur die Zukunft“

„Schon komisch, daß du es erwähnst“, sagte er. Warum ist es komisch? „Ich hab' darüber nachgedacht, wegen des Jahrestags und so. Erst jetzt fiel mir ein: Ich möchte meine Auszeichnungen wieder zurückhaben ... weißt schon, für nächstes Jahr. Wär' doch schön.“ Warum hat er nicht einfach darum gebeten? „Tja ... man muß dafür bezahlen.“ Ich sagte, daß ich die Kosten übernehmen wollte. Mein Vater blieb skeptisch. „Und dann das ganze Theater mit den Veteranen. Mit denen wollte ich nie was zu tun haben.“ Warum nicht? „Ich hab' keine Lust, die ganze Zeit über die Vergangenheit zu reden, wie einige von ihnen. Ich bin Antifaschist. Ich hab' Camus und Sartre und all die anderen gelesen. In den Fünfzigern. Für diese Burschen gab es nur die Vergangenheit, für mich nur die Zukunft!“

Immer stand mein Vater in diesem Konflikt, einerseits Kriegsgegner, andererseits Kriegsteilnehmer, an der Zukunft orientiert und doch mit dem Wunsch, nicht völlig vergessen zu werden. Er war wohl ziemlich überrascht, daß er so spät seine Auszeichnungen zurückhaben wollte. Und ich war überrascht, daß ich so erpicht darauf war, sie zu sehen.
Ein freundlicher Veteran von gegenüber half meinem Vater bei dem Papierkram. Als die Auszeichnungen schließlich eingetroffen waren, fuhr ich nach Felixstowe, wir saßen da und betrachteten sie, als wären sie Mondgestein, das auf dem Küchentisch ausgebreitet lag. Ich bat ihn, mir zu erzählen, was sie für ihn bedeuteten, und in den nächsten Wochen versuchte er es auch. Ich war eine miserable Interviewerin. In meiner Vorstellung kannte ich die Story schon, und jede Woche fuhr ich nach Felixstowe und versuchte, wie eine schlechte Journalistin, seine Story in meine Schablone zu pressen. Mein Vater sollte mir über den Krieg in „Saving Private Ryan“ oder „Flucht in Ketten“ erzählen. Doch er wollte einfach erzählen, wie es für ihn gewesen war. Für jeden ist es ein anderer Krieg. Der Krieg meines Vaters war zufällig, ambivalent, ungeplant - manchmal leise heroisch und dann wieder chaotisch.

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