https://www.faz.net/-gqz-7mosh

Cyborg, Facebook, Google : Auf Wiedersehen, Erde

  • -Aktualisiert am

Warum lieben die Menschen den Spielfilm „Gravity“? Weil das Schweben im schwerelosen Raum unseren Zustand genau beschreibt. Bild: AP

Ohne das Netz schwebten wir schlagartig orientierungslos im schwerelosen Raum. Deshalb zahlt Facebook 19 Milliarden für eine App und Google Riesensummen für einen Thermostat-Hersteller: In der Welt der neuen sozialen Physik werden die Internet-Giganten zu Raumstationen.

          Millionen von Menschen identifizieren sich gerade mit zwei Menschen, die im luftleeren Raum herumschwimmen. Zehn Oscars stehen in Aussicht. Praktisch keine Identifikationshebel: keine Love-Story, kein Verrat, kaum Gesichter, überhaupt wenig sexuelle Identifikationsmerkmale, wenig menschlicher Körper, stattdessen unförmige Raumanzüge, und dann noch ein paar regelmäßig wiederkehrende Meteoriten. Und dennoch strömten die Menschen ins Kino, um „Gravity“ zu sehen.

          Wer wissen will, welches erregende Drama sich gerade auf der Erde abspielt, müsste Folgendes tun: Er müsste imstande sein, den meisterhaften Film wie die „Buddenbrooks“ zu sehen oder „Love Story“ oder „House of Cards“. Man sieht: kein oben und unten, der Mensch völlig eingeschlossen in selbsterhaltende Lebenssysteme, und fast alles, was man von der Erde sieht, sieht genau so aus wie Google Earth.

          Die Nominierung für zehn Oscars und der weltweite Erfolg melden, dass die Menschen diesen Raum fast wie ein Interieur ihres eigenen Ichs wahrnehmen. Sie sehen zwei Cyborgs - so der Begriff für die Verschmelzung von Mensch und Maschine - und erkennen etwas von sich.

          Diese zwei Cyborgs sind unsere „Buddenbrooks“

          Wir reden nicht von Phantasien und schon gar nicht von Science-Fiction. Es wird noch lange dauern, bis wir wirklich verstanden haben, was gerade mit den sozialen Wirklichkeiten der Moderne geschieht, mühsam werden wir hinterherhinken zwischen kontra-intuitiven Erkenntnissen, der Auflösung ökonomischer und gesellschaftlicher Standards und dem endgültigen Abschied von der mechanischen Welt des neunzehnten Jahrhunderts. Diese zwei Cyborgs im Weltraum sind unsere „Buddenbrooks“, mögen unten auf der Erde auch noch so viel ratlos empörte Menschen darauf bestehen, dass der Apfel vom Baum und die Selbsterkenntnis aus dem eigenen Bewusstsein fällt.

          Man fange an, an sich selbst zu zweifeln, sagte ein Unternehmer, als letzte Woche der WhatsApp-Deal von Facebook bekannt wurde. Neunzehn Milliarden Dollar für nichts anderes als ein virtuelles Netz, bestehend aus einer astronomischen Anzahl von Verbindungen und Daten (und fünfzig festangestellten Mitarbeitern), haben ein neues Preisschild an den gravitationslosen Raum geklebt: ein Raum nicht nur ohne Ziegel und Mörtel, sondern auch ohne Schwerkraft und Gewicht. Es ist ein Vermögen wert zu wissen, welche Menschen auf welchen Umlaufbahnen aneinander vorbeischweben, um miteinander Kontakt aufzunehmen.

          Doch während alle Welt auf den Mega-Deal starrte, verkündete Facebook noch eine Entscheidung, die etwas weniger Aufmerksamkeit bekam, aber ebenso elektrisierend ist, und die nicht den Raum, sondern den User selbst betrifft. Der Selbstzweifel des Unternehmers, der seine Welt aus handfesten Dingen entwertet sieht, wird hier nur noch Episode: Er ist eingebettet in die große Erzählung des Selbstzweifels des modernen Ichs.

          Du hast die Wahl zwischen fünfzig verschiedenen Geschlechtern

          Das soziale Netzwerk erlaubt künftig seinen (amerikanischen) Mitgliedern, zwischen fünfzig verschiedenen Geschlechtern zu wählen. Die Bezeichnungen reichen von Inter- und Transsexuellen bis hin zur Selbstbeschreibung als Trans-Person. Offenbar sind die Algorithmen des Konzerns angewiesen, die Identitätswahl ernst zu nehmen: Wer sich beispielsweise zur Trans-Person erklärt, wird folgerichtig zum „Es“, das einem eine Freundschaftsanfrage schickt.

          Weitere Themen

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Seit mehr als einer Woche sitzt Stephan E. bereits in der JVA Kassel I im Gefängnis. Nun soll er dem Mord an Walter Lübcke gestanden haben.

          Sitzung des Innenausschuss : Stephan E. gesteht Mord an Lübcke

          Der dringend Tatverdächtige Stephan E. hat gestanden, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet zu haben. Das bestätigte Bundesinnenminister Seehofer. E. habe ausgesagt, allein gehandelt zu haben.

          Streit um May-Nachfolge : Johnson schlägt zurück

          Boris Johnson stand im Verdacht, den Medien ausweichen zu wollen, nun stellt er sich ihnen jedoch immer öfter. Das zeigt aber auch, dass er ins Stocken gerät, wird er auf exakte Zahlen und Fakten angesprochen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.