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Cyberwar-Dokumentation : Das digitale Schlachtfeld liegt unter unseren Füßen

  • -Aktualisiert am

Kampftraining oder Privatvergnügen? Das digitale Schlachtfeld kann überall sein Bild: dpa

Eine Web-Dokumentation klärt über die Gefahren weltweiter Vernetzung auf: Niemand ist vor Hackangriffen sicher, selbst Atomkraftwerke sind gefährdet. Die Produktion ist eine multimediale Meisterleistung.

          „Glaub mir, wir werden Freunde sein“, sagt der junge Herr (dargestellt von Nikolai Kinski) mit sonorer Stimme und schickem Anzug. Er führt durch eine fünfteilige interaktive Web-Dokumentation zum Thema Cyberwar, und irgendwie ist man sich nicht so ganz sicher, ob man ihm wirklich trauen soll, auch wenn er es immer wieder versichert.

          Netwars – Out of Ctrl“ heißt die Produktion, die derzeit in fünf Episoden im Netz ausgestrahlt wird. Vier sind schon verfügbar, eine steht noch aus. Der Krieg, der uns bevorsteht, dieser Cyberwar, wird anders als die Kriege sein, die wir bisher kennen. „Wenn wir in den Krieg ziehen“, sagt der junge Herr im Anzug in der ersten Folge, „denken wir, er werde wir der vorherige sein, aber das ist er nie.“ Das hört sich ziemlich dramatisch an, vielleicht ein bisschen zu dramatisch, da scheint die Frage des Moderators zu Beginn berechtigt, ob das alles echt sei oder ob es sich vielleicht doch nur um einen Hollywood-Scherz handle.

          Er weiß alles über uns, wir nichts über ihn

          Die Doku ist interaktiv, der Nutzer kann von einem Teil zum nächsten und wieder zurückspringen; selbst entscheiden, welchen der Experten – Hacker, Wissenschaftler, der ehemalige NSA-Chef General Keith Alexander – er zu Wort lassen kommen will. Man wird eingeladen, an einem kleinen Quiz teilzunehmen und kann sich dabei gleich vor Augen führen lassen, wie verletzlich man sich im Netz macht, wenn man nur ein paar wenige Fragen beantwortet oder aufpoppende Download-Dateien zu sehr ignoriert. „Du bist bereits mitten auf dem digitalen Schlachtfeld“, meldet sich der nette Moderator wieder zu Wort, er könne das Konto des Zuschauers plündern und seine Beziehung beenden, sagt er, wenn es denn der Mühe wert wäre: „Dein Liebling ist zu hässlich und dein Konto lohnt sich nicht. Keine Sorge, es geht hier nicht um dich. Mach weiter wie bisher, zieh dir Pornos rein, kauf Schuhe, zeig dich Pasta kochend auf Facebook. Mir egal.“

          Er sagt das alles mit betonter Freundlichkeit, immer ein Lächeln auf den Lippen, und es ist genau das, was beim Zuschauen ein unangenehmes Gefühl bereitet. Der Moderator ist die Verkörperung der Gefahr, die im Internet lauert: Er ist so unglaublich schwer fassbar. „Man weiß nie, wer auf der anderen Seite ist“, sagt er, „wer die Kontrolle hat.“ Er macht uns Angebote für Ratespiele, und er lächelt. Er sagt, er sei unser Freund, und er lächelt. Er weiß alles über uns, und er lächelt. Und wir wissen nichts über ihn.

          Ein latentes Gefühl des Bedroht-Seins

          Wie Web-Dokumentation vereint das beste, was man mit den neuen digitalen Möglichkeiten im Internet machen kann, mit dem Gefährlichsten, was von eben diesen Möglichkeiten ausgeht. Die Produktion ist ein Lehrstück an Multimedialität und Interaktivität. Sie kombiniert Videos, Animationen, Datenvisualisierungen in Form von Karten und Graphen; und wirkt dabei trotzdem nicht überladen, sondern zurückhaltend, geradezu reduziert. Gleichzeitig thematisiert sie, wie diese Verbindung von allem – von Video und Karten, von Namen und Daten, von Beruflichem und Privaten – zu einer Bedrohung werden kann.

          „Sicherheit“, sagt eine Frauenstimme aus dem Off, „ist nur eine Wunschvorstellung.“ Die Doku zeigt, warum selbst hochsensible Gebäude wie Atomkraftwerke durch ihre digitale Vernetzung nicht unverwundbar sind; warum das, was wir für unsere eigene Meinung halten, vielleicht doch manipuliert sein könnte; dass jeder, der für ein Produkt nicht zahlt, das Produkt ist; wie dem Hacker Thomas Ryan durch die Erschaffung der fiktionalen US-Geheimdienstmitarbeiterin Robin Sage gelang, an E-Mail-Adressen und Kontonummern von hochrangigen Regierung- und Geheimdienstmitarbeitern, ja sogar an vertrauliche Dokumente zu kommen. Man muss nicht paranoid sein, um sich nach Betrachtung der ersten vier Folgen bedroht zu fühlen.

          Warten auf den Lichtblick

          Die Web-Doku ist in ein größeres Konzept eingebunden, eine Kooperation von, unter anderem, Filmtank, Bastei Lübbe, ZDF/ Arte und Miiqo Studios. Auf Arte lief bereits ein Film über Eberhard Oehler, Geschäftsführer der Stadtwerke Ettlingen, der den Hacker Felix „FX“ Lindner engagierte, der sich in die Stadtwerke einhacken sollte, und dem das auch gelang. Bald erscheinen eine Graphic-Novel-App sowie ein Audio- und E-Book zum Thema. Auch eine fiktionale TV-Serie ist derzeit in Arbeit. Auf der Webseite gibt es ein Hintergrund-Dossier mit Interviews und Tipps, wie man seinen Rechner und seine Daten sicherer machen kann.

          Die letzte Folge der Web-Doku ist seit Sonntagmorgen online verfügbar. Der Moderator, unser lächelnder, aalglatter „Freund“, hat am Ende der vierten Episode all jenen, denen schon etwas flau in der Magengegend geworden war, verkündigt: „Es gibt einen Lichtblick, und für den hat sich alles gelohnt.“ Das hört sich fast nach einem Happy Ending an, und damit nach etwas ziemlich Illusorischem, denn nach den ersten vier Folgen dürfte auch dem letzten klar geworden sein, dass es sich bei diesem digitalen Schlachtfeld, auf dem wir uns alle befinden, sicherlich nicht um einen Hollywood-Scherz handelt.

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