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CSU-Kommentar : Bayerns Panther

Um ihn wird es einsam in der CSU: Horst Seehofer. Bild: dpa

Für Horst Seehofer sind harte Zeiten angebrochen. Die CSU revoltiert gegen ihn, Markus Söder läuft sich schon warm. Erleben wir eine Parteichef-Dämmerung? Wir würden noch nicht auf Seehofers Aus wetten.

          Es wird einsam um Seehofer. Einst war er, ganz wie Thiago bei der anderen großen alten Institution im Freistaat, dem FC Bayern, die kreative Schaltzentrale – im Mittelfeld, aber auch in der Verteidigung und erst recht im Angriff. Um es in der metaphernverliebten Sprache unserer wortgewaltigen Politiker zu sagen: Wann immer auf einem der vielen Decks des Bayerntankers CSU ein Buschfeuer ausbrach, sprang Admiral Seehofer mit einem Panthersatz von der Kapitänsbrücke, um es auszutreten. Und wenn gerade mal kein Buschfeuerchen brannte, legte er eben selbst eines. Auch dafür war er sich nicht zu schade. Die Brandblasen, die seine Parteifreunde davontrugen, sprechen Bände.

          Doch jetzt mehren sich die Anzeichen, dass Thiago, die Schaltzentrale im Mittelfeld, den FC Bayern verlassen wird. Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch droht, wie zu hören ist, die Entmachtung in ihrer Partei. Und Elton John, das ist nun wirklich mehr als ein Gerücht, hört nach neunzig Jahren in Las Vegas auf: Im Mai nächsten Jahres geht seine letzte Show im Caesars Palace über die Bühne.

          Kreuzung aus Problembär, Fledermaus und U-Boot

          Ein Horst Seehofer registriert so etwas natürlich. Ein Horst Seehofer kann eins und eins zusammenzählen. Ein Horst Seehofer hat ein seismographisches Sensorium. Er ist halt ein politisches Urviech, eine Kreuzung aus Problembär, Fledermaus und U-Boot, also auch mit Echolot vermutlich. So einer spürt: Die Einschläge kommen näher. So einer merkt, wenn Bayern bebt. Was sieht so einer, wenn er um sich blickt? Rechts, links, vorne, hinten: Söder natürlich.

          Und hinter tausend Söders keine Welt? Doch, aber die ist in Aufruhr. Lauter Zeichen, die auf Sturm verweisen, auf Götterdämmerung, Umsturz, Revolte, brutalstmögliche Erneuerung: Emmanuel Macron! Sebastian Kurz! Jupp Heynckes! Markus Söder? Seehofer kann sich drehen und wenden, wie er will, es gibt kein Entrinnen: „Okonkwo oder Das Alte stürzt“, um es mit dem berühmten Romantitel des Friedenspreisträgers Chinua Achebe zu sagen.

          Der kommende Mann? Markus Söder.

          Aber die Literatur hält auch Tröstliches für einen wie Horst Seehofer bereit. Er muss nur nach Spanien blicken. Dort ist Javier Sierra soeben mit dem Planeta-Preis ausgezeichnet worden. Das ist die nach dem Nobelpreis höchstdotierte literarische Auszeichnung der Welt und wahrscheinlich die korrupteste überhaupt. Sierra, ein „Meister des Verschwörungs-Thrillers“ (Obacht!), sagte bei der Preisverleihung (600.000 Euro!) in Barcelona (Revolte!), er sei „sicher, dass es den Heiligen Gral gibt. Etwas, dass größer ist als das Leben“ (als bayerischer Ministerpräsident).

          An dieser Stelle brechen wir unsere Live-Berichterstattung ab, denn über so etwas will einer wie Horst Seehofer erst einmal in Ruhe nachdenken. Lassen wir ihm Zeit. Javier Sierra gilt als der Dan Brown Spaniens. Horst Seehofer ist der Horst Seehofer Bayerns. Das war so, das ist so, und daran wird auch in Zukunft niemand etwas södern.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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