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Cruise bedroht Brücke : Was die Wehrmacht nicht schaffte

Noch eine reine Idylle, soll sie bald für den nächsten „Mission: Impossible“-Teil von Tom Cruise in die Luft gesprengt werden: Die majestätisch in dreißig Metern Höhe über den Bober schwingende Stahlfachwerkbrücke des Ingenieurs Otto Intze von 1905. Bild: Getty

Mission: Unmöglich! Tom Cruise will für seinen neuen Film eines der schönsten Brückenmonumente Polens sprengen. Wenn er damit durchkommt, wäre das ein Skandal.

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          Sie ist nicht nur ein Technikdenkmal ersten Ranges, sie verbindet mit ihrer organisch geschwungenen Form auch die bewaldeten Hänge einer Talsperre derart elegant, dass es der Schöpfer nicht wesentlich besser hätte lösen können – die Bobertalbrücke in Niederschlesien, rund sechzig Kilometer östlich von Görlitz gelegen.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Mit ihrer ebenso spektakulären wie landschaftsbildprägenden „Fischbauch“-Konstruktion scheint sie wie ein stahlglänzender fliegender Fisch schwerelos über die Talsperre zu gleiten. Die Brücke des Aachener Ingenieurs Otto Intze stammt aus den Jahren 1905/06 und darf als wichtigste erhaltene Eisenkonstruktion der hochindustriellen Phase Schlesiens gelten. Mit einer Länge von 132 Metern bei 42 Meter Höhe und einer Bogenspannweite von 85 Metern ist sie eine der wenigen noch existierenden „hängenden“ Brücken weltweit.

          Dass sie in der Liste der Technikdenkmäler verzeichnet wäre, sollte selbstverständlich sein. Sie befindet sich in einem passablen Allgemeinzustand, diente sie doch noch bis vor vier Jahren dem modernen Zugverkehr. Während aber vergleichbare Technik-Wegmarken in England längst unter Schutz gestellt und sorgfältig restauriert wurden, ist die filmreife Brückenpreziose nahe des schlesischen Orts Pilchowice (bis 1945 Pilchowitz) nun akut gefährdet – und zwar ausgerechnet durch ein Filmteam aus Hollywood.

          Echte Sprengung für fiktiven Film?

          Kein Geringerer als der Schauspieler und Produzent Tom Cruise will für den nunmehr siebten Teil seiner unkaputtbaren Agenten-Saga „Mission: Impossible“ die Brücke in die Luft sprengen lassen. Erste hölzerne Teile wurden schon entfernt, um ihr die filmische Anmutung einer Ruine zu verleihen – ein bereits teilruiniertes Bauwerk ist allemal leichter zu schänden als ein intaktes. Wie kann, wird man sich fragen, eine Regionalregierung oder gar übergeordnete Behörden dem zustimmen? Nun, der „Walk of Fame“ rief, und die publicityversessene Zentralregierung in Warschau folgte dem Ruf. Ein Foto mit Cruise & Co. als Best Buddies lockt, ebenso die vom Filmteam in Aussicht gestellte Ankurbelung des Tourismus in der Region durch den mutmaßlichen Kassenschlager.

          Weiteres Opfer von Dreharbeiten: Die frühmittelalterlichen Bienenkorbhütten und Treppenanlagen auf der irischen Mönchsinsel Skellig Michael wurden durch das Filmteam von „Star Wars VII“ und den danach einsetzenden Tourismusboom erheblich in Mitleidenschaft gezogen.
          Weiteres Opfer von Dreharbeiten: Die frühmittelalterlichen Bienenkorbhütten und Treppenanlagen auf der irischen Mönchsinsel Skellig Michael wurden durch das Filmteam von „Star Wars VII“ und den danach einsetzenden Tourismusboom erheblich in Mitleidenschaft gezogen. : Bild: Picture-Alliance

          Wie der „Arbeitskreis deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger“ in einem Brandbrief an den polnischen Premier Mateusz Morawiecki schrieb, habe der polnische Vizeminister für Kultur und nationales Erbe Paweł Lewandowski in einem Interview für das populäre Internet-Portal Wirtualna Polska bestätigt, dass diese „Superproduktion“ von Paramount Pictures nach Polen geholt und mit einer Unterstützung von 5 Millionen Złoty, etwa 1,2 Millionen Euro, aus Mitteln des Polnischen Instituts für Filmkunst gefördert werden soll. In diesem Zusammenhang bezeichnete Minister Lewandowski die Brücke als bloßes „Relikt der Vergangenheit”, das „kein Denkmal” sei. Den Versuch der zuständigen Woiwodschaftskonservatorin von Niederschlesien, die Brücke in das Denkmalregister einzutragen, habe er, so der Denkmalpfleger-Arbeitskreis, mit dem Hinweis kommentiert, dass „diese Entscheidung überprüft werden“ könne und „die zweite Instanz dafür der Generalkonservator für Denkmalpflege“ ‒ und damit er selbst als Vizekulturminister ‒ sei.

          Geködert wurden die Regierungsstellen zusätzlich mit dem Glasperlen-Versprechen einer „originalen“ Kopie der Brücke inklusive Ausbesserung der Schienen in der Nähe. Wer die Wiederaufbauten Hollywoods wie beispielsweise jene auf der nach den Dreharbeiten zu „Star Wars VII“ verwüstet hinterlassenen ältesten Klosterinsel der Welt, Skellig Michael in der irischen See, kennt, wird hier eher Skepsis hegen. Die steinernen Bienenkorbhütten auf Skellig Michael hatten zwar den Wikingerüberfall von 823 überlebt, nicht aber das Filmteam des Jahres 2014. Das waren allerdings unerwünschte Folgeerscheinungen der Dreharbeiten. In Polen verhält es sich anders. Der Kollaps des Denkmals ist erwünscht.

          Wird er es mit der Boberbrücke schaffen? Als Stauffenberg im Film „Operation Walküre“ war Tom Cruise beim Sprengen der Wolfsschanze nicht erfolgreich.
          Wird er es mit der Boberbrücke schaffen? Als Stauffenberg im Film „Operation Walküre“ war Tom Cruise beim Sprengen der Wolfsschanze nicht erfolgreich. : Bild: obs

          Die Begründung für das Sprengen des unersetzlichen Baudenkmals ist bizarr: Es solle echt aussehen. Offenbar will Cruise damit an den Nimbus realer Brückenbauten für Filme wie „Die Brücke am Kwai“ oder „Die Brücke von Arnheim“ anknüpfen, die beide jeweils eigens errichtet oder realiter zu zerstören versucht wurden (die tatsachengetreu misslingende Sprengaktion der Waalbrücke in Nijmegen ließ das Bauwerk aber natürlich überleben). Heute jedoch, auf dem Höhepunkt der digitalen CGI-Perfektion, können anders als vor zehn Jahren selbst Fachleute virtuell erzeugte Explosionen nicht mehr sicher von realen unterscheiden. Doch Cruise geht den gegenteiligen Weg. Diese verzweifelte Suche nach Authentizität fügt sich nahtlos in seine letzten Projektvorstellungen: Noch frisch ist etwa die Ankündigung, seinen nächsten Film zu Teilen tatsächlich im Weltraum zu drehen, um die Bedingungen der Schwerelosigkeit „spürbarer“ werden zu lassen.

          Realitäts-Wahn als Ausdruck der Sehnsucht nach Nicht-Digitalem

          Auf einer höheren Ebene der Bildgeschichte und mit Abstand betrachtet, äußert sich in der geplanten Sprengung im Stile des Spätrealismus ein anderes Symptom: Nach der rein digitalen Corona-Durststrecke schwenkt die Sehnsucht der Betrachter derzeit unverkennbar zu haptischen und originalen Kunstwerken um – selbst die sogenannten digital natives bekunden nun reihenweise ihren Überdruss an den allfälligen digital generierten Scheinwelten im Netz. Die original erhaltene Bobertalbrücke würde damit groteskerweise zum Opfer einer Sucht nach „Echtem“.

          Was die zurückweichende Wehrmacht 1945 nicht schaffte – die vollständige Sprengung der Brücke – schafft nun also, falls Hollywood oder Warschau nicht noch zu Sinnen kommen, ironischerweise Tom Cruise. In seiner Rolle als Stauffenberg im Film „Operation Walküre“ versagt er im Sprengen der Wolfsschanze. Diesmal will er ganze Arbeit leisten.

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