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Craig Venter im Gespräch : Wir sind Informationsmaschinen

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Craig Venter lässt sich vom Reden über seine Gottähnlichkeit nicht Bange machen Bild: AFP

Die Startlinie ist überschritten, erste Schritte folgen: Craig Venter hat synthetisches Erbgut hergestellt und in einer Zelle gestartet. Im Gespräch mit der F.A.Z. erzählt der Wissenschaftler, was er nun mit dem künstlichen Leben vorhat.

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          Die Welt fragt sich wieder, ob Sie Gott gespielt haben, Dr. Venter. Haben Sie's getan?

          Ganz bestimmt nicht. Aber das Klischee taucht jedes Mal wieder auf, wenn es in Wissenschaft oder Medizin etwas Neues gibt. Dank sorgfältiger, harter Arbeit und Forschung erfahren wir jetzt etwas mehr über die Grundlagen des Lebens und können dadurch, dass wir ein synthetisches Chromosom hergestellt und in einer Zelle gestartet haben, auch Beweise vorlegen. So haben wir unser Wissen erweitert, aber auch fünfzehn Jahre dafür gebraucht.

          Müssen wir nun anders über das Leben und sein Wesen nachdenken?

          Ich für meinen Teil denke jetzt völlig anders darüber. Die Ergebnisse, die wir vorgelegt haben, zeigen, wie dynamisch Leben ist. Noch sehen die Leute Zellen und Arten als klar fixierte Einheiten, aber wenn man sich an die Mikrobenwelt heran- und in sie hineinzoomt, ändern sich die Dinge von einer Sekunde zur andern. Wir haben herausgefunden, dass wir ganz eindeutig durch DNA-Software betriebene Informationsmaschinen sind. Diese Software wird ununterbrochen gelesen. Wenn man sie entfernt, stirbt die Zelle, und wenn man in sie neue Software einfügt, wie wir es mit dem synthetischen Chromosom getan haben, wird die Zelle sie sofort lesen und neue Proteine nach dem Code des neuen Chromosoms erzeugen. Die Zelle verwandelt sich so in eine neue Lebensform. Wir sehen also Leben als dynamischen Prozess, voll und ganz gesteuert vom Informationssystem.

          Stellen Sie auch eine neue Art von Leben her?

          Nein, wenn ein Mikrobiologe sich diese Zelle anschauen würde, käme er zu dem Ergebnis, es sei ein Mykoplasma, eine Bakterie, und er könnte ihre Eigenart im Verhältnis zu anderen Lebensformen nur erkennen, wenn er wüsste, wie ihr Genom isoliert und ihre DNA sequenziert wurde. Dann erst wäre festzustellen, dass jene DNA menschengemacht ist. Ansonsten haben wir es mit einer ganz gewöhnlichen lebenden, vermehrungsfähigen Zelle zu tun, und ohne Studium ihres genetischen Codes wäre es unmöglich, ihre Besonderheit wahrzunehmen.

          Worauf sind Sie bei diesem Schöpfungsakt, und wenn es nur ein menschlicher ist, am stolzesten?

          Wenn man nach fünfzehn Jahren harter Arbeit ein erstes Stadium erreicht, in dem eine Sache funktioniert, dann macht mich das mächtig stolz vor allem auf mein Team, auf meinen Freund und Mitarbeiter Hamilton O. Smith, mit dem ich schon erstmals in der Geschichte ein menschliches Genom entziffert habe, und auf Clyde Hutchison, der fürs zweite Genom zu uns gekommen ist. Es kommt uns so vor, als würden uns in technologischer Hinsicht endlich einige nette Babyschritte gelingen, aber philosophisch gesehen sind es vielleicht Riesenschritte.

          Inwiefern philosophisch?

          Den Reaktionen können Sie ablesen, wie die philosophischen Vorteile unseres Tuns Menschen in aller Welt berühren. Es waren ja überwältigend positive Reaktionen, wenn man in Betracht zieht, dass auf der Welt nichts geschehen kann, ohne dass es einige Leute tief unglücklich macht. Selbst der Vatikan hat sich diesmal positiv geäußert.

          Hat nicht der Vatikan nur kundgetan, noch darüber nachzudenken, was er von Ihren Zellenschöpfungen halten soll?

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