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Counterstrike & Co. : Dunkle Ritter mit viel Herz

Abtauchen ins virtuelle Kriegsspiel: Chris alias Myth. Bild: SWR/Vetter

Nach der Bluttat von Erfurt wurden sie pauschal verurteilt: die Anhänger des Computergemetzels Counterstrike. Eine ARD-Doku zeigt die virtuellen Krieger als liebe Jungs.

          Der Name Robert Steinhäuser fällt kein einziges Mal, eine ganze Stunde lang. Dabei geht es in dem Film „Kriegsspiele“, der an diesem Dienstagabend im Ersten gezeigt wird, doch um Counterstrike, jenes am amerikanischen Action-Movie orientierte Räuber-und-Gendarm-Spiel, bei dem man als Scharfschütze einen virtuellen Gegner nach dem nächsten niedermäht: ein Computerspiel, das auch Robert Steinhäuser spielte, bis er es irgendwann mit der Realität verwechselte und in seiner früheren Schule in Erfurt ein Blutbad anrichtete. Dass Steinhäuser Counterstrike-Spieler war, wissen auch Amokkx, Myth, Dragonmaster und der Gestörte, doch seinen Namen nehmen sie nicht in den Mund. Steinhäuser war keiner der ihren.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Oliver, Chris, Patrick und Manuel lauten die wirklichen Namen der jugendlichen Counterstrike-Spieler aus Esslingen, Frankfurt und Hofheim am Taunus, die der Dokumentarfilmer Marcus Vetter über Monate beobachtet hat. Als Steinhäuser mordete, hatten die Dreharbeiten längst begonnen. Natürlich musste Vetter die Erfurter Tragödie in seiner Dokumentation aufgreifen, deren Dramaturgie aber veränderte er nicht. Knapp zwei Drittel des Films sind vorüber, als Patrick erklärt, wer sich wie Steinhäuser von dem Computerspiel derart pervertieren lasse, der müsse „schon ziemlich neben der Kappe sein“. Damit ist fast alles gesagt.

          Selbstironie und Ernst

          Patrick, Chris und die anderen spielen zwar ebenfalls Counterstrike, doch eines sind sie nicht: neben der Kappe. Auch wenn man es recht merkwürdig finden mag, womit sie ihre gesamte Freizeit verbringen: vor dem Monitor zu sitzen, über Kopfhörer Kommandos der anderen zu empfangen und per Tastenklick zu schießen. Anders als Steinhäuser aber bewahren die vier 15- bis 19-Jährigen zu dem Spiel eine erstaunlich abgeklärt wirkende Distanz: „Es werden Daten übertragen“, erklärt einer von ihnen den ganzen Zauber.

          Mit einer Analyse von Counterstrike, mit einer Darlegung der Regeln hält sich Marcus Vetter nicht auf. Ihn interessiert nicht das Spiel, sondern die Gruppe, die sich „Knights of Darkness“ nennt. Dass darin, wie auch in den martialischen Kampfnamen jedes einzelnen, eine Selbstironie liegt, erschließt sich, wenn die jungen Spieler, einige von ihnen noch mit Kindergesichtern, ruhig, sanft und höflich in Vetters Kamera sprechen. Und doch ist ihnen ihre Sache sehr ernst - aber nicht so, dass der Zuschauer sich um sie sorgen müsste. Im Gegenteil.

          Ein Krieger wird zur Frau

          Auf ihre eigene Weise setzen die Jugendlichen, die sich zu einem „Clan“ zusammengeschlossen haben, nicht nur klassische deutsche Traditionen fort, sondern scheinen ganz freiwillig ein geradezu mustergültiges Sozialverhalten einzuüben. Als „Leader“ des Clans, erzählt Oliver, der sich selbst für einen eher unterdurchschnittlichen Spieler hält, komme ihm ein „sehr verantwortungsvolles Amt“ zu: Wie ein Firmenchef müsse er das Team im Gruppenspiel zusammenhalten, motivieren und dazu anleiten, füreinander einzustehen. Anpassung ist gefragt und ein nahezu selbstloser Einsatz für die Mitspieler: Sonst ist bei Counterstrike-Turnieren kein Blumentopf zu gewinnen.

          Die vermeintlichen Problemjugendlichen entpuppen sich bei Vetter als harmlose Vereinsmeier. Am Computer lernen sie, was andere im Sportclub erfahren; als echter Mannschaftskapitän ärgert sich Oliver dann auch über Pierre, der von einem Tag auf den nächsten aufhörte mit Counterstrike: „nicht die feine englische Art“, so Oliver, zumal kurz vor einem wichtigen Ligaspiel. Pierre, der Talentierteste unter ihnen, hat sich, seiner eigenen Rekorde müde geworden, auf ein neues Spielfeld begeben: In Internet-Chats gab er sich selbst als virtuelles Geschöpf „Steffi“ eine neue Identität. Und auch hier strebt er wieder nach Perfektion: „Steffi“ ist ein herzensgutes, charmantes Wesen, das für jeden im Netz ein Ohr hat und niemals aus der Rolle fällt, die Pierre ihr zugedacht hat.

          Happy-End im Walde

          Am Ende des Films ist Vetter dabei, wie seine einstigen Mitspieler dem Counterstrike-Renegaten einen Besuch abstatten und ihm ihre Sorge über seinen eigenbrötlerischen Eskapismus mitteilen. Dieser fast rührende Moment scheint dann doch ein wenig zuviel des Guten, das Vetter in seinen Helden gesichtet hat.

          Der preisgekrönte Dokumentarist, dessen dramaturgisches Geschick und Bildsprache ihn fraglos auch als Spielfilmregisseur reüssieren ließen, inszeniert ein geradezu märchenhaftes Happy-End, wenn er in der letzten Szene die Jungen friedlich vereint einen Waldweg hinabradeln lässt: der Rückkehrer Pierre auch hier wieder an der Spitze, als Schlusslicht mit deutlichem Abstand Oliver, der vorsichtige Chef. Vielschichtige Persönlichkeiten allesamt. Nur schade, sagt sich der Zuschauer, dass nicht alle Counterstrike-Spieler so sein werden wie sie.

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