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Corveys Gesellschaft : Weltkulturerbe in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Und abends mit Beleuchtung: Die Abteikirche von Corvey Bild: dpa

Gizeh, Pompeji, Köln: Als Neuzugang auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes steht das Kloster Corvey im westfälischen Höxter in prominenter Gesellschaft. Doch der Ehrentitel hat seine Schattenseite, auch in Europa.

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          „Damit steht Corvey in einer Reihe mit den Pyramiden von Gizeh, dem antiken Pompeji und dem Kölner Dom.“ Mit diesem Vergleich feierte der örtliche Landrat die Ernennung des mehr als tausendjährigen Klosters im westfälischen Höxter zum Weltkulturerbe. Wohl unbeabsichtigt brachte der Kommunalpolitiker damit auch die Schattenseiten des Ehrentitels zur Sprache. Denn der Beschluss, den das Welterbekomitee der Unesco nun fasste, erfolgt vor dem Hintergrund unermesslicher Verluste.

          Dass dem Kölner Dom wegen brachialer, seine Dominanz bedrohende Hochhausprojekte vor einiger Zeit ein Platz auf der „Roten Liste“ drohte, die die Unesco über akut gefährdete Erbestätten führt, ist dabei noch das geringste Übel. Schwerer schon wiegt Pompejis Dauerplatz auf diesem Papier, der bisher nichts daran änderte, dass die antike Stadt dank mafiöser Strukturen vor Ort sowie der Lethargie des italienischen Staats rapide verfällt. Und seit 2001 die Taliban die weltberühmten Buddahs von Bamyjan sprengten, kann man die Forderung islamistischer Fanatiker, die Pyramiden von Gizeh als gotteslästerliche Monumente in die Luft zu jagen, nicht mehr als jenen Aberwitz abtun, der sie sind. Täglich vernichtet der syrische Bürgerkrieg Welterbe. Dass neben Corvey auch die Zitadelle von Arbil im Irak zum Weltkulturerbe ernannt wurde, klingt angesichts des Vormarschs der terroristischen Isis-Truppen wie ein unfreiwilliger trauriger Witz; zu schweigen davon, dass die Riesenverluste an Welterbe infolge der beiden Irak-Kriege noch nicht beziffert sind - und dass afrikanische Stätten ganze Spalten der Roten Liste füllen.

          Wer meint, Europa sei demgegenüber eine Welterbe-Insel der Seligen, irrt: Ob in ostdeutschen Altstädten, die der Unesco bisher unbekannt blieben, Abrisse an der Tagesordnung sind, oder ob die „bürgerkriegsähnlichen Unruhen“ in der Ukraine nun auch historische Bauten gefährden - der Grund, auf dem der europäische Teil des Weltkulturerbes steht, ist schwankend. Und das seit je: Vor 100 Jahren, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, legten deutsche Truppen die einzigartige gotische Altstadt des belgischen Ypern in Trümmer, später folgte die verheerende Beschießung der Kathedrale von Reims. Kein Zweifel: Das wäre auch geschehen, hätte es schon den Status des Weltkulturerbes gegeben.

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