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Corona-Exit : Wo, bitte, geht’s zum Ausgang?

Hat einen Exit-Plan vorgelegt: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet Ende März im Universitätsklinikum Aachen. Bild: dpa

Manchen geht es mit dem „Exit“ aus der Corona-Pandemie nicht schnell genug. Andere halten die Medien für zu unkritisch im Umgang mit der Bundesregierung. Vorsicht ist angebracht, auch bei der Kritik.

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          Nichts wie raus. Wer will das nicht? Raus aus der Quarantäne, raus ins Grüne, rein ins Café, ins Restaurant, Konzert, Kino oder Fußballstadion. Die Mehrheit der Bürger will das, verlässt man sich auf Umfragen, dieser Tage – noch – nicht. Jedenfalls so lange nicht, bis die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus beherrschbar erscheint.

          Wie schwer dies einzuschätzen ist, zeigen die Ratschläge der Nationalakademie Leopoldina, die in Sachen „Exit“ alles und nichts besagen. Das meinte auch der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow im Interview mit dem Deutschlandfunk. Die Wiedereröffnung der Schulen etwa unter der Maßgabe zu empfehlen, dass in Klassen mit maximal fünfzehn Schülern unterrichtet werde, sei ja schön. Aber dafür gebe es nicht ausreichend Lehrer, seien diese nicht ausreichend geschützt, und wie kämen Schülerinnen und Schüler im ländlich geprägten Thüringen mit ein Meter fünfzig Sicherheitsabstand zueinander im Schulbus zurecht?

          Wo er gerade dabei war, nahm Ramelow noch die Berichterstattung der Medien auseinander, die auf einen schnellen Exit drängten und Politiker in Bund und Ländern gegeneinander ausspielten: Wer lässt mehr zu, wer ist (zu) restriktiv, wer hat den Bogen raus? Weltmeister in diesem Pingpong ist die „Bild“-Zeitung, die schon über die „Top-Virologen“ abstimmen ließ und nun mit „Riesen-Krach um Corona-Lockerungen“ und „Länder-Chaos“ titelt. Das sind die üblichen Mätzchen, auf die manch ein Käseblatt auch in der Corona-Krise nicht verzichtet.

          Bodo Ramelow indes bestand darauf, sich zu den Maßnahmen, auf die sich Bund und Länder an diesem Mittwoch geeinigt haben, erst nach der „Telefonschalte“ mit der Bundeskanzlerin zu äußern, nicht vorher in einem „Telefoninterview“. Daran tut er gut, und Berichterstatter tun gut daran, die vorsichtige Rationalität, mit der die hiesige Politik agiert, nicht in den Tumult zu verwandeln, den Regierungschefs in Großbritannien, Italien oder den Vereinigten Staaten selbst verursachen.

          Wobei sich Journalisten in der Krise von Medienforschern eher den Vorwurf anhören müssen, sie seien ahnungslos, lammfromm, unkritisch, beteten die „Alternativlosigkeit“-Litanei der Bundesregierung nach oder verfielen im sprachlichen Umgang mit der Pandemie in Kriegsrhetorik. Das aber kann man nur behaupten, wenn man alle über einen Leisten schlägt, und – wenn man meint, es besser zu wissen. Der Witz ist: Es weiß aber keiner besser.

          Wir wissen, was wir nicht wissen, dass Zahlen wenig belastbar sind, vor allem, wenn sie aus China stammen; dass sich das Virus von dort in alle Welt verbreitete, bevor der Shutdown kam, und Donald Trump ausnahmsweise richtig liegt, wenn er sagt, die Weltgesundheitsorganisation WHO, die sich lange scheute, von einer „Pandemie“ zu sprechen, habe sich von China instrumentalisieren lassen. Was mit dazu führte, dass das Virus in Politik und Journalismus unterschätzt wurde. Aber hinterher ist man immer schlauer. In Sachen „Exit“, der am 20. April mit der Öffnung von Museen, Gedenkstätten, Zoos und Geschäften beginnen soll, wissen wir indes, dass man den hiesigen Bürgern Österreich, wo auch Geschäfte wieder öffnen, nicht als leuchtendes Beispiel vorhalten kann. In Thüringen, sagte Bodo Ramelow, hatten die Bau- und Gartenmärkte nie geschlossen. Nicht nur dort.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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