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Coronavirus und Hamsterkäufe : Auf der Schwelle

Corona: zeigt die Menschheit nicht von ihrer besten Seite. Bild: dpa

Was macht das Ende der „Tanzlustbarkeiten“ mit den Menschen im Allgemeinen und den Berlinern im Speziellen? Die Auswirkungen sind jetzt schon drastisch.

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          Einer von uns findet beim Essen (wir sind zu viert, der Abstand zum Nebentisch beträgt gut anderthalb Meter), das Schließen der Berliner Klubs habe auch sein Gutes. Denn das vorläufige Ende der „Tanzlustbarkeiten“, wie es im Amtsjargon der Lokalbehörden heißt, könne zu einer neuen Besinnung führen, einer Konzentration des zur Stille gezwungenen Individuums auf sich selbst und, nun ja, einer Abkehr vom Hedonismus, indem der Mensch seiner „Essenz“ gewahr werde oder so ähnlich.

          Schweigen senkt sich bei diesen Worten über den Tisch. Wir wissen nicht, wozu das vorläufige Verbot der Tanzlustbarkeiten führt. Wird Berlin noch Berlin sein? Eine von uns sagt, Tanzen sei Ausdruck von Freiheit und Ausgelassenheit, man vergesse den Alltag, was denn daran schlecht sei? Berlin fehle etwas, wenn nicht getanzt und gefeiert werde. Auch darüber denken wir nach. Eigentlich aber fragen wir uns, was wir überhaupt wissen können über die bevorstehenden Wochen. Wird auch bei uns die Ausgangssperre kommen wie in Madrid? Muss die Bundeswehr eingreifen? Können wir maßvoll und solidarisch sein, wenn wir die wichtigsten Hamsterkäufe erledigt haben? Werden wir teilen lernen, Rücksicht nehmen und all das?

          Geplünderte Hülsenfrüchte

          Eine Szene am Tag darauf gibt die Antwort. Die Käsefrau auf einem beliebten Berliner Wochenmarkt empfängt eine von uns mit den Worten: „Du glaubst ja nicht, was hier heute los war!“ Der Markt sei brechend voll gewesen, die Leute gierig und gereizt, ständig sei sie zur Eile getrieben worden, einmal habe ein Mensch vor ihr gestanden, am Käsestand, und mit Tränen in den Augen gesagt: „Jetzt haben wir bald nichts mehr zu essen!“ Dabei, so die Käsefrau, sei der ganze Wochenmarkt voller Essen gewesen. Nur später, da sei der Markt abgegrast und leergefressen gewesen, als sei ein hungriges Heer hindurchgezogen.

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          Später berichtet eine Bekannte, in drei verschiedenen Supermärkten sei das Toilettenpapier wieder aus gewesen, ein Typ habe vor leeren Regalen gestanden und laut geschimpft, in welchem Land er eigentlich lebe, das keine Hygieneartikel mehr verkaufe, und als er zur Antwort bekam, er lebe in einem sehr reichen Land, er solle sich nicht so aufregen, da sei er schimpfend abgezogen.

          Dieselbe Bekannte erzählte, im Bioladen seien alle getrockneten Hülsenfrüchte geplündert sowie sämtliche Konserven bis auf Ananas und Pfirsich, auch alles Mehl sei weg, alle veganen Brotaufstriche und fast das gesamte Frischgemüse, aber das war auf dem Wochenmarkt ja nicht anders. Wenn man das gesehen hat – unsere krisenfeste Bevölkerung an einem sonnigen Märzwochenende, gerade erst auf der Schwelle zu einer strengeren Zeit –, dann kann man sich die Berliner Tanzlustbarkeiten nur schleunigst zurückwünschen, dazu das lauteste denkbare Bummbumm und einen großen, weiten Mantel des Vergessens.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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