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Jürgen Kaube (kau)

Unterrichtsausfall : Ersatzschule

  • -Aktualisiert am

Hier gibt es nichts zu lernen: Leeres Klassenzimmer in München. Bild: dpa

Gedächtnis ist das, was vom Denken bleibt: Was soll man den Schülern in den kommenden Wochen bloß beibringen, wenn überall die Schulen geschlossen sind?

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          Woran liegt es, ob man sich etwas gut merkt? Die Antwort auf diese Frage ist von erheblicher Bedeutung, wenn jetzt die Schulen für mindestens fünf Wochen geschlossen sein werden. Schon der Unterricht für Anwesende macht schließlich die Erfahrung, welche große Macht das Vergessen ist. Um wie viel stärker ist sie aber, wenn zuhause alle möglichen Ablenkungen winken.

          Zum Glück sind die Befunde der Kognitionspsychologie recht eindeutig. Sie lassen sich an einem Laborexperiment erläutern, das schon mehr als vierzig Jahre alt ist. In ihm wurden Versuchspersonen nacheinander eine ganze Reihe von Worten mit der Aufforderung gezeigt, jedes einzelne Wort zu beurteilen. Aufmerksamkeit begünstigt Gedächtnisbildung. Die einen sollten dabei sagen, ob das Wort bestimmte Buchstaben, etwa ein A oder ein W, enthält, die anderen, ob das Wort sie an angenehme oder unangenehme Dinge denken lässt. Außerdem wurde der Hälfte der Teilnehmer angekündigt, sie würden am Ende geprüft, wie viel sie sich gemerkt haben.

          Sämtliche Trainer von Werder Bremen

          Interessanterweise hatte das gar keinen Einfluss auf das Gedächtnis. Der bloße Wille, sich etwas zu merken, verbessert nicht die Fähigkeit dazu. So Daniel T. Willingham, aus dessen Buch über schulisches Lernen („Why Don’t Students Like School?“, San Francisco 2009) wir dieses Experiment kennen. Dafür erinnerten diejenigen, die sich zu entscheiden hatten, ob das Wort für sie mit angenehmen oder unangenehmen Assoziationen verbunden ist, doppelt so viele Worte wie diejenigen, die nur auf die Buchstaben achteten. Weil sie die Worte nicht nur angeschaut, sondern über ihre oft ambivalente Bedeutung kurz nachgedacht hatten.

          Gedächtnis, so die Schlussfolgerung, ist unter anderem das, was vom Denken übrig bleibt. Man kann sich nicht alles merken, also merkt man sich vorzugsweise das, was einem einmal nachdenkenswert erschien. (Man merkt sich natürlich außerdem allen möglichen unnützen Kram: den Vers „All mimsy were the borogroves“, sämtliche Trainer von Werder Bremen zwischen Rehagel und Schaaf, oder was auf Französisch „Backmulde“ heißt). Insofern kann die Anweisung für das digital unterstützte Lernen in den kommenden Wochen nur lauten, den Schülern etwas zu denken zu geben und nicht einfach nur Hausaufgaben. Besser sie merken sich weniges wirklich, als dass sie vieles erledigen, das bei ihnen zum einen Ohr hinein und zum selben Ohr wieder hinausgeht.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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