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Lifestyle in Zeiten von Corona : Mach die Augen zu und denk an England

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Wie sich die Bewohner des Londoner Trellick Tower während der Corona-Krise ein wenig Lifestyle ins Heim holen können, erfahren sie aus der Presse. Bild: Reuters

Benimmregeln und virtuelle Dinnerpartys: Britische Zeitungen versorgen ihre Leser mit Tipps zur Überbrückung der Ausgangssperre. Dabei kommt sogar die viktorianische Zeit zu neuen Ehren.

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          Männer mögen Blondinen bevorzugen, so will es uns jedenfalls der Titel der Filmkomödie von Howard Hawks glauben machen, Brünette haben es aber leichter, wenn die Strähnchen rauswachsen und kein Friseur zur Hand ist, behauptet die „Times“ auf einer Doppelseite mit Ratschlägen für die Haarpflege in Zeiten der räumlichen Distanzierung. Die These wird zwar nicht überzeugend belegt. Denn Brünette dürften nicht weniger besorgt sein über den grauen Ansatz, der sich schnell an den Schläfen zeigt, wenn nicht nachgefärbt wird. Doch steht die „Times“ auch für sie mit Ratschlägen bereit. Vom Selberschneiden zum Selberfärben gibt das Blatt eine Fülle von Anleitungen, die das wachsende Schönheitsangebot im Internet ergänzen – nach der Devise der scharfzüngigen amerikanischen Schriftstellerin Fran Lebowitz, wir alle seien nur so gut wie unser letzter Haarschnitt.

          Die „Times“ ist nicht die einzige britische Zeitung, die ihre Lifestyle-Seiten auf die neuen Verhältnisse anpasst. Die Druckmedien überschlagen sich mit Tipps zur Überbrückung der Ausgangssperre. Wer wissen will, wie man sich für das Heimbüro kleidet, welche physischen Übungen für die beengte Wohnung geeignet sind, wie man Kleinkinder beschäftigt, denen die Decke auf den Kopf fällt, wird reichlich bedient. Eine andere Lebensweisheit von Fran Lebowitz, wonach das Telefon ein guter Weg sei, mit Menschen zu sprechen, ohne ihnen einen Drink anbieten zu müssen, bekam eine neue Wendung durch die virtuellen Cocktail- und Dinnerpartys, die Video-Chat-Anwendungen Hochkonjunktur bescheren.

          „You are not alone“

          Auch für diese neue Form der gesellschaftlichen Interaktion gibt es Benimmregeln. Das Thema Sex in Zeiten des Coronavirus kommt nicht zu kurz. Die Regierung hat nicht zusammenlebenden Paaren, die wissen wollten, ob sie sich trotz der Ausgangssperre noch treffen könnten, mitgeteilt, sie müssten sich zwischen alles oder nichts entscheiden und entweder zusammenziehen oder auf den physischen Kontakt verzichten. In der Zeitung finden sie Hinweise auf virtuelle Ausweichmöglichkeiten.

          Dem „Telegraph“ gelang es sogar, diesen Lifestyle-Empfehlungen einen patriotischen Drall zu verleihen, der an die aus der viktorianischen Zeit überlieferte Ermahnung an sexunwillige verheiratete Frauen erinnert, die Augen zu schließen und an England zu denken. Das Blatt bündelt seine Beiträge auf sechs Seiten unter dem Titel „You are not alone“. Darunter steht: „Bringing Britain together“. Neben Erfahrungsberichten von der Heimfront, Lesetipps, Lehnstuhlrezensionen und einem erweiterten Rätselangebot wartet das Blatt auch mit einer Rubrik auf, in der Prominente danach befragt werden, wie sie mit ihrer „splendid isolation“ zurechtkommen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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