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Verdrehte Wissenschaft : Ist doch alles nicht so schlimm!

Eine Gesichtsschutzmaske liegt auf dem Boden auf der Strandpromenade von El Arenal. Bild: dpa

Leugnen, ausblenden, heucheln: Der Statistiker John Ioannidis fordert, die Pandemie für beendet zu erklären. Seine Argumente sind dürftig.

          5 Min.

          An wen wohl halten sich die, denen der Ausgang aus der Pandemie nicht schnell genug dekretiert wird und die trotzdem nicht irrational, gar als Verharmloser, dastehen möchten? Genau: an die Wissenschaft. Nicht an die Drostens, Cieseks und Wielers dieser Welt, die fachlich ausgewiesenen Warner, sondern an Alternativ-Virologen oder Meta-Analytiker wie John Ioannidis. Der amerikanische Statistiker von der Stanford-Universität war bis zur Pandemie eine Ikone. Ioannidis hatte es 2005 mit seinem Essay „Weshalb der Großteil der Forschungsresultate falsch ist“ geschafft, die Wissenschaft bloßzustellen, indem er ihr den Spiegel verzerrender Methodik vorhielt, und trotzdem zum Helden zu werden. Seitdem kann er praktisch veröffentlichen, was und wo er will. Soeben hat Ioannidis die globale Gesundheitsbürokratie zur Kapitulation aufgerufen: „Erklärt endlich das Ende der Pandemie.“ In einem die Querdenkerseele labenden Kommentar im „European Journal of Clinical Investigation“ führt Ioannidis aus, weshalb die Pandemie spätestens Ende 2021 – also noch vor der Omikron-Welle – hätte für beendet erklärt werden müssen. „Das fortgesetzte Wiederkäuen von Covid-19-Fallzahlen und anderen überflüssigen Sars-CoV-2-Indikatoren bringt nichts mehr.“

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Das Besondere an dem Text ist nicht die für Ioannidis typische gekonnte Kaltschnäuzigkeit, mit der er die Corona-Politik insgesamt und die Rolle des wissenschaftlichen Mainstreams desavouiert. Das hat er in diversen Beiträgen, Internetpostings und auch in selbstinszenierten Youtube-Auftritten oft wiederholt. Interessant ist vielmehr, wie er es mit seiner statistischen Rosinenpickerei schafft, die Jahrhundertkrise zu einem medizinischen Hype herunterzubrechen. Die öffentliche Wahrnehmung – die „gefühlten Risiken“, nicht die tatsächlichen – seien für die fehlerhafte Wahrnehmung der Pandemie bis zum heutigen Tag hauptverantwortlich. Mit geradezu sophistischer Zahlenakrobatik versucht er, seiner Wahrnehmung der Wirklichkeit Geltung zu verschaffen.

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