https://www.faz.net/-gqz-9zqtm

Didaktik der Pandemie : Nicht alles in den Mund stecken!

Hartmut Rosa Bild: dpa

Corona verführt manch einen Schlauberger dazu, die Einschränkungen der Pandemie als willkommene Lernhilfe für fast alles anzupreisen.

          2 Min.

          Die Bereitschaft, aus der Pandemie Lehren zu ziehen, aus Corona etwas zu lernen, ist erkennbar ein Ausdruck von Vernünftigkeit, etwa wenn es um die Belastbarkeit des Gesundheitswesens oder um die Zukunft des Städtebaus geht. Von solch vernünftiger Lernbereitschaft ist eine törichte Corona als „Lehrmeisterin des Lebens“-Ideologie zu unterscheiden, die die Pandemie für noch den kleinsten didaktischen Mehrwert in Anspruch nehmen möchte. Gearbeitet wird dabei mit steilen Lernkurven, die ein Maximum an Lernertrag (Stoffmenge) bei einem Minimum von Lernaufwand (Zeit) versprechen.

          Das Zuchthaus als idealer Lernort?

          Ein Meister im pandemischen Magistra-vitae-Genre ist der Soziologe Hartmut Rosa. Er erblickt in Corona eine Werbebotschaft für die Unverfügbarkeit des Daseins, und zwar in einem überraschend eng vom Sein aufs Sollen gezogenen Ableitungswinkel. „In unserer Lebenswelt sind uns Dinge massiv unverfügbar geworden“, erläutert Rosa im Deutschlandfunk den lebensdienlichen „Brennglas“-Effekt der Pandemie. „Wir können nicht mehr an unseren Urlaubsort reisen, müssen vielleicht die Hochzeit oder eine Familienfeier absagen. Die Geschäftsreise fällt aus, das Fußballspiel.“ Und was lernen wir daraus? Vielleicht dies: Kurze Wege als erste Bürgerpflicht? Nicht doch, für Rosa geht es um mehr, ums Ganze des Weltverhältnisses. Aus der Tiefengrammatik der Krise entnimmt er die Einsicht, dass eben nicht alles Wünschbare machbar ist. Die Quarantäne ist, so gelesen, eine willkommene Lernhilfe für das, was jedes Kleinkind zu lernen hat, um sich in der Welt zurechtzufinden: nicht alles in den Mund stecken! Caramba Corona! Wie lebensklug müsste man dann erst in der radikalisierten Quarantäne eines Zuchthauses werden? Für Rosa ist die Pandemie ein Exzess der Bewusstwerdung von gemeinhin nur „hinterrücks“ Gewusstem, ein eye opener fürs Naheliegende.

          Das Unverfügbare herunterbrechen

          „Man kann es sich an sozialen Beziehungen oder Intimbeziehungen gut klarmachen“, erklärt Rosa den überhaupt erst von ihm behaupteten Klärungsbedarf. „Also“, hebt er als didaktischer Krisengewinnler an, den Wert des Unverfügbaren empirisch herunterbrechend, „wir können eigentlich nur Menschen lieben – oder wir lieben Personen dann –, wenn sie uns nicht völlig verfügbar sind. Das, was da zwischen Menschen entstehen kann, hat Lebendigkeit, weil der andere sich immer auch entzieht, immer auch anders antwortet oder anders handelt.“ Versteht man recht, erhöht Knappheit die Nachfrage auch im Zwischenmenschlichen. Den wiederum naheliegenden Einwand nimmt Rosa selbst auf dem Wege einer Generalklausel vorweg: „Das gilt für fast alles.“ Tatsächlich scheint Rosa auf Fragen zu antworten, die niemand stellt. Wie das kommt? Rosa hat vor einiger Zeit ein Büchlein über „Unverfügbarkeit“ geschrieben. Er bewirbt es wie die Pandemie selbst: als eine Lernhilfe für fast alles.

          Weitere Themen

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Und das soll Demokratisierung sein?

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Topmeldungen

          Segregierte Schulen : Das weiße Amerika bleibt unter sich

          Heute gibt es in Amerika mehr Schulen mit fast nur weißen oder fast keinen weißen Schülern als vor 30 Jahren. Das liegt auch an den Entscheidungen weißer Eltern – auch solchen, die seit Wochen „Black Lives Matter“ rufen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.