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Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Weihnachten auf Distanz : Harte Zeiten für höfliche Menschen

  • -Aktualisiert am

Neuer Weihnachtsschmuck für dieses spezielle Jahr: 2020 zieht alle Register. Bild: dpa

Das Weihnachtsfest bietet plötzlich ganz neuen Zündstoff: Wie hält man freundliche Verwandte auf Distanz, die wie immer zu Besuch kommen wollen? Unhöflichkeit ist das Gebot der Stunde.

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          Wir wissen natürlich immer noch viel zu wenig über die Ansteckung mit dem Coronavirus. Wie gefährlich ist es denn nun in Schulen? Was ist mit dem Einzelhandel und vollen Bussen? Diese Forschungslücken wurden in den letzten Monaten beanstandet. Aber unerklärlicherweise hat noch niemand eine Studie dazu gefordert, wie viele Ansteckungen durch Höflichkeit geschehen sind: weil man dem Nachbarn nicht die Tür vor der Nase zuknallen und die Kollegin nicht in deren eigenem Büro um Abstand bitten wollte. Es sind harte Zeiten für Menschen, die über ihre gute Erziehung noch nicht hinweg sind. Man möchte nein sagen, man sollte nein sagen, aber darf man das überhaupt, wo doch alle aus Freundlichkeit auf einen zukommen?

          „Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußern Betragens“, schreibt Goethe in den „Wahlverwandtschaften“. Das gilt jetzt nicht mehr. Nicht mehr die Höflichkeit ist der Liebe verwandt, sondern die Distanz, die durchaus als Affront gesehen werden kann. Unhöflichkeit ist das Gebot der Stunde, so schwer das auch fällt, und das Weihnachtsfest verschärft das Dilemma noch. Dabei ist es noch verhältnismäßig einfach, das eigene Fortbleiben anzukündigen. Viel schwieriger ist es, Leute auszuladen oder an der Türschwelle abzumoderieren. Wenn die Großtante erst bei ihren Enkeln ist, dann noch bei ihrer Schwester, und am zweiten Weihnachtsfeiertag zum Kaffee vorbeikommen will, so wie jedes Jahr: Dann sind nie mehr als zwei Haushalte auf einmal in einem Raum, aber es gibt natürlich gute Gründe, trotzdem abzulehnen.

          Man kann lange darüber debattieren, ob sich das nicht kommunikativ abfedern lässt, ob man also sehr höflich und mit vielen Blümchen drum herum nein sagen kann. Aber das lindert den Schrecken höchstens. Auch hier hilft nur Distanz: Immerhin bietet die Pandemie mal neue Impulse für familiäre Uneinigkeit an Weihnachten, weil man ja nicht endlos über die korrekte Aufstellung der Krippe diskutieren kann. Und wer jetzt lernt, nein zu sagen, ohne sich danach schlecht zu fühlen, der kann diese Fähigkeit auch in der ferneren Zukunft bestens einsetzen.

          Julia Bähr
          Audience Managerin bei FAZ.NET.

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