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Französische Lokale : Prost Mahlzeit

  • -Aktualisiert am

Frankreich, Saint-Jean-de-Luz: Ein Kellner bringt den Gästen eines Cafés Getränke an den Tisch (Archivbild) Bild: dpa

Seit einem Jahr dürfen französische Arbeitnehmer theoretisch an ihren Arbeitsplätzen essen. Eine Kulturrevolution. Doch der Lockdown führt zu anderen Entwicklungen.

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          Vor drei Uhr oder halb vier war es schon immer relativ aussichtslos, in französischen Amtsstuben und Büros jemanden zu erreichen. Die Herrschaften waren noch zu Tisch – auf Spesen, wie man sich das so vorstellte. In einem feinen Restaurant, vielleicht schon beim Cognac. Rauchen darf man dort schon länger nicht mehr. Und auch sonst sind die französischen Geschäftsessen nicht mehr das, was sie einmal waren. Doch bis zum ersten Lockdown blieben die Restaurants jeden Mittag gerappelt voll.

          Die Gäste hatten keine Wahl: Es war ihnen verboten, an ihrem Arbeitsplatz zu essen. Im vergangenen Februar wurde dieses Verbot aufgehoben, das Dekret erschien im Amtsblatt der Republik. Es ist allerdings nicht leichter geworden, Auskünfte zu bekommen. Denn inzwischen müssen die Franzosen um 18 Uhr zu Hause sein, wenn sie nicht überhaupt im Homeoffice arbeiten, wo man ihnen die Nahrungsaufnahme schwerlich verbieten konnte. Wahrscheinlich wollte Präsident Macron nur beweisen, dass er sein Wahlversprechen, das französische Arbeitsrecht zu reformieren, weiterhin halten will. Mit einem Federstrich besiegelte er eine stille und schleichende Kulturrevolution.

          Die Institution Restaurant geht auf 1789 zurück, als die verarmten Adeligen ihre Köche entlassen mussten, die sich dank der neuen Freiheiten selbständig machen konnten. Die Gastronomie à la française wurde zu einem Leuchtturm der Zivilisation. Der Prix Goncourt wird beim Essen ausgemacht und im Restaurant vergeben. Macron hatte seinen Wahlsieg in der „Rotonde“ in Montparnasse gefeiert; vor einem Jahr wurde die berühmte Brasserie abgefackelt, die Feuerwehr fand eine gelbe Weste. Zwei Monate später, am 14.März 2020, verkündete der Premierminister abends um halb acht die Schließung aller Restaurants von Mitternacht an.

          Für die Hälfte von ihnen soll es inzwischen um das nackte Überleben gehen. Viele machen Takeaway, einige haben heimlich geöffnet. Legal dürfen immerhin Restaurants mit angeschlossenem Hotel Übernachtungsgäste bewirten. Weil Touristen und Geschäftsreisende ausbleiben, kommen nun Einheimische – noch hat die Polizei keine Frühstücks- oder gar Bettenkontrollen durchgeführt. Das Privileg, in der eigenen Stadt im Hotel zu übernachten, ist in der Pandemie zum Statussymbol der Oberschicht geworden. Der Mittelschicht bringen Kuriere, die pro Kilometer bezahlt werden, das Essen.

          Vom Arbeitsrecht wird dieses Proletariat der Radsklaven nicht geschützt. Es liefert auch neue Parfüms, die in Paris der „dernier cri“ sind: Sie verbreiten Düfte, von denen uns das Virus zwangsentwöhnt hat, es riecht nach Museum, Kino, Klub oder Bar. Die Modemarke „Comme des Garçons“ will in den Nasen eine Aufführung im Châtelet-Theater simulieren. Ein anderes Parfüm mit dem Flair eines historischen Bistros in Saint-Germain-des-Prés kommt jetzt zum Jahrestag des Kneipen-Lockdowns in den Verkauf. Beim einsamen Essen im Büro oder im Homeoffice darf der nostalgische Gourmet zumindest selbst ein bisschen nach Restaurant riechen. Bon appétit.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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