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Presse und Corona-Pandemie : Willkommen zum Impfkonzert

Faktenchecker? Volker Bruch im Gespräch mit Michael Meyen Bild: allesaufdentisch/YouTube

Youtube will nicht alle Videos von #allesaufdentisch verbreiten. Das lässt sich begründen. Die These, „die“ Medien machten Meinung und unterdrückten Andersdenkende, hingegen hängt in der Luft.

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          Die Videoplattform Youtube hat Widerspruch gegen eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Köln eingelegt. Das Gericht hatte entschieden, dass der Konzern zwei Videos der Aktion #allesaufdentisch nicht löschen durfte. Youtube, so befand das Gericht, habe nicht konkret genug dargelegt, inwiefern die Videos gegen die Vorschrift verstießen, keine Missinformationen zur Corona-Pandemie zu verbreiten. Das wird die Plattform nun nachholen müssen.

          Wie die Sache auch ausgeht: Wasser auf die Mühlen derjenigen, die seit Beginn der Pandemie behaupten, kritische Stimmen würden unterdrückt, ist es in jedem Fall. Sie ignorieren einfach, dass es für die demokratisch verfasste Öffentlichkeit und die Meinungsbildung nicht nur eine Rolle spielt, dass sich jemand zu Wort meldet, sondern was er zu sagen hat, über welche Expertise er verfügt und welche Argumente er ins Feld führt. Das Geschwurbel der Allesauftischer erfährt die angemessene Reaktion, nämlich: Gegenrede. Und im Fall erwiesenen Nonsenses wird es ins redaktionell verantwortete Angebot, um das sich Youtube an dieser Stelle bemühen muss, nicht aufgenommen.

          Einer macht die Raute und gewinnt

          Dass es von derlei Wortmeldungen eher zu viele gibt und sie von „den“ Medien nicht unterdrückt, sondern von einigen der Stimmungsmache wegen verstärkt werden, gewärtigen wir dieser Tage besonders. Politiker aller in der Verantwortung stehenden Parteien wirken ratlos. Die geschäftsführende Bundesregierung verabschiedet sich im Chaos, die zu erwartende Ampelkoalition schaltet schon vor Beginn ins Ungefähre.

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          Dem handelnden Personal scheint der Schreck in die Glieder gefahren, der Schreck davor, „harte“ Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Die Furcht vor dem Drittel der Bundesbürger, das sich bis heute nicht hat impfen lassen, war insbesondere im Wahlkampf zu spüren. Erinnert sich noch jemand an die mit allem Firlefanz ausgestatteten Trielle? Ging es da um Corona, verfielen die drei Kandidaten unisono in Entspannungsrhetorik. Das Motto: Alles halb so wild, wir schaffen das. Der Kandidat, der dies bis in den körperlichen Habitus hinein ausdrückte, entert nun das Kanzleramt.

          Das ist nur acht Wochen her. In den Wochen und Monaten, ja in den fast zwei Jahren zuvor, haben wir das Gegenteil dessen erlebt, was ein paar Medienwissenschaftler „den“ Medien schon im Frühjahr 2020 nachsagten: Panikmache, keine Vielfalt der Quellen, keine Transparenz, Herdentrieb, Regierungshörigkeit.

          Und Bayern wird nicht Meister

          Den Befund konnte man schon damals nur teilen, wenn man keine Qualitätszeitung liest, keine Nachrichten schaut und sich auch keine der unzähligen Talkrunden zu Gemüte führt, in denen divergierende Standpunkte zur Sprache kommen. Wenn Journalisten sich jetzt dem Vorwurf ausgesetzt sehen, sie schnappten über und maßten sich an, an die Stelle gewählter Volksvertreter zu rücken, mag das mit Blick auf manche Unduldsamkeit im Ton stimmen. Aber in der Sache?

          Wir fragen uns, wie die „Kritiker“, die Land und Leute seit zwei Jahren in der Pandemie begleiten, es selbst mit der Triage halten, die in Krankenhäusern anstehen könnte. Am Ende verliert der FC Bayern sogar wegen ungeimpfter Spieler die Meisterschaft. Nicht auszudenken.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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