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Virus in Indien : Corona und Karma

  • -Aktualisiert am

Mann mit Mundschutz auf der Straße im indischen Hyderabad Bild: dpa

Das Risikobewusstsein ist bei vielen Indern nicht besonders ausgeprägt. Wie gehen sie nun mit der Bedrohung durch Corona um?

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          Die indische Bevölkerung versucht sich gerade von dem Schock blutiger hindu-muslimischer Kämpfe in Neu-Delhi zu erholen. Mehr als fünfzig Menschen, meist Muslime, wurden ermordet. Gegner und Befürworter der neuen Staatsbürgerschaftsgesetze lieferten sich tagelang Gefechte, es gibt zerstörte Wohnviertel und zerrissene menschliche Beziehungen. Seit 1984, als Indira Gandhi ermordet wurde, hat die Hauptstadt solche Unruhen nicht erlebt. Und schon soll sich das Land auf die nächste schwere Belastungsprobe vorbereiten. Bisher hat das Coronoavirus nicht heftig auf Indien übergegriffen. Zurzeit werden von amtlicher Seite noch weniger als vierzig Erkrankte gemeldet, Todesfälle gar keine.

          Das bevölkerungsstärkste Land der Erde nach China darf jedoch eine drohende Epidemie nicht dem Zufall überlassen. Seit gestern hört die gesamte telefonvernarrte Bevölkerung bei jedem Anruf zunächst eine ausführliche Ansage, was man tun muss, um sich zu vor Ansteckung schützen. Großveranstaltungen, besonders jene, die die Regierung unterstützt, werden gestrichen, was in dieser Jahreszeit, dem indischen Frühling, besonders bitter ist. Denn in Stadt und Dorf finden gewöhnlich Frühlingsjahrmärkte, sogenannte „Melas“, und Feste mit Tanz und Liedern statt. Die Menschen haben sich auf diese Vergnügungen gefreut, die bis Mitte März möglich sind. Danach dämpft die zunehmende Sommerhitze die Freude. Große Sportveranstaltungen, etwa Kricket- und Fußballturniere, finden zur Zeit noch mit viel Publikum statt. Zu viel Geld steht auf dem Spiel.

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          Die Bevölkerung ist Unterbrechungen, Verzögerungen, Generalstreiks, Protestmärsche, sogar Terroranschläge und Schwierigkeiten aller Art gewohnt, so dass diese neue Problemsituation zunächst nicht zu Panik verleitet oder gar in eine existentielle Krise führt. Der Ernst der Situation wird in den Städten durchaus erkannt. Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind schon aus den Drogerien verschwunden. Doch unter der Dorfbevölkerung ist keine Alarmstimmung spürbar. Gerade sie ist jedoch, sollte sich das Virus ausbreiten, am meisten bedroht. Ist Seife zum Händewaschen in jeder Hütte vorhanden? Wie können die Familienmitglieder Abstand voneinander wahren, wenn sie Seite an Seite auf dem Boden schlafen? Man kennt das Problem: Auch die Absonderung von Tuberkulose-Kranken ist in Dörfern oder städtischen Slums überaus problematisch. Wie kann man Menschen zeigen, dass ihr Atem unsichtbar Krankheiten enthält? Wie kann man ihnen in kurzer Zeit Sinn für Hygiene vermitteln? „Reinheit“ wird von Indern im Allgemeinen als rituelle Reinheit verstanden oder bestenfalls als Abwesenheit von sichtbarem Staub und Schmutz.

          „Haltet Abstand voneinander!“, warnt die Regierung. Premierminister Narendra Modi will der ganzen Welt zeigen, wie das auf indische Weise möglich ist: Statt sich, wie im Westen und in verwestlichten Kreisen mit einem Händeschütteln zu begrüßen, soll der altindische Gruß, das „Namaste“, gebraucht werden. Dabei legt man die Handflächen vor der Brust zusammen und verneigt sich kurz.

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          Von Natur aus scheinen Inder ein geringes Risikobewusstsein zu haben. Das sieht man schon daran, wie sorglos Jung und Alt über belebte Straßen gehen, ohne nach rechts und links zu schauen. Das hat wohl damit zu tun, wie die Menschen aufgewachsen sind. Indische Kinder leben in einem Paradies familiärer Fürsorge, die ein Beharren auf Verhaltensregeln nicht gutheißt. Kinder dürfen tun, was sie wollen – und das tun die Menschen dann, im Vertrauen auf den Schutz, den sie als Kinder genießen durften, oft intuitiv bis ins Erwachsenenalter hinein. Kein probates Mittel bei der Abwehr einer Epidemie, die Disziplin und Vorsicht erfordert

          Die letzte Bedrohung dieses Ausmaßes war in Indien vor zwei Jahrzehnten der Ausbruch von Aids. Diese Krankheit war aber besser einzuordnen: Sie kam aus dem „bösen Westen“, der Indien schon die Kolonialisierung mit Ausbeutung und Erniedrigung sowie die Zerrüttung der Moral und manche anderen Übel beschert hatte – so die pauschale Anschauung einer gewissen Bevölkerungsschicht. Herkunft und Ausbreitung können diesmal keine Vorurteile gegenüber dem Westen aktivieren. Das Virus kommt eindeutig aus dem Osten, vom großen Kontrahenten China, mit dem Indien im wirtschaftlichen Wettkampf steht, den das Land verliert: China überschwemmt Indien mit billigen Konsumgütern. Ein zynischer Witz, der zur Zeit die Runde macht, reflektiert diese ambivalente Situation: „Keine Angst vor dem Coronavirus. Das kommt doch aus China! Wie alles, was aus China kommt, geht auch das rasch kaputt.“

          Aids hatte man mancherorts als Gottesurteil gegen die „lockere westliche Moral“ angesehen. Auch diesmal werden moralische Vorstellungen ins Spiel kommen, denn Krankheit gilt allgemein in Indien, entsprechend dem Karma-Gesetz, als Strafe für frühere Taten. Ein unsichtbar sich ausbreitendes Virus bekommt gerade in diesem Land leicht einen magischen Charakter.

          Der frühere indische Premierminister Manmohan Singh warnte in der Tageszeitung „The Hindu“ vor einer tiefen gesellschaftlichen Krise, die er auf drei Indikatoren zurückführt: auf das Fehlen sozialer Harmonie zwischen Hindus und Muslimen, auf langsames wirtschaftliches Wachstum und auf die sich nun entfaltende gesundheitliche Bedrohung. Selbst wenn es, wie jeder hofft, bei einer geringen Anzahl von Infektionen bleibe, schreibt Singh, werde die wirtschaftliche Auswirkung beträchtlich sein.

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