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Corona-Text aus dem Vatikan : Bruder Virus?

  • -Aktualisiert am

Der Papst vor ein paar Tagen beim Segen „Urbi et Orbi“ auf dem menschenleeren Petersplatz. Bild: dpa

Ein Artikel der „Vatican News“ hat zu einem Proteststurm geführt. Der Autor schrieb über den vermeintlichen Nutzen der Corona-Pandemie. Für die Opfer des Virus hatte er kaum ein Wort übrig.

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          Schon in der Überschrift wird das Coronavirus als „unlikely ally“, als „unerwarteter Verbündeter“ der Erde gepriesen. Es folgt ein Lobgesang auf den „unbeabsichtigten Nutzen“, den der Ausbruch der Pandemie dem Planeten beschere.

          An allerlei Beispielen, zusammengeklaubt aus Medienberichten über reduzierte Umweltverschmutzung dank Shutdown in aller Welt, meint der Autor zeigen zu können, wie die „Reduzierung menschlicher Aktivität“ dazu beitrage, dass jetzt „die Erde heilt“.

          In Venedig schwömmen wieder Fische in den Kanälen, Zugvögel und Schwäne glitten über die Wasserwege. Die Fische waren freilich schon vorher in den Kanälen, nur sah man sie kaum, weil die vom Schiffsverkehr aufgewühlten Sedimente das Wasser trübten; und auch Schwäne sind gewiss keine Neuigkeit in der Lagunenstadt.

          Verfasst hat den Artikel Benedict Mayaki, ein junger nigerianischer Jesuit, der vor knapp zwei Jahren in Lagos zum Priester ordiniert wurde und seit einem halben Jahr bei der englischsprachigen Sektion der „Vatican News“, der offiziellen Medienseite des Vatikans, tätig ist. Erschienen ist der Beitrag am 30. März. Tags darauf verschwand er wieder.

          Zur Begründung sagte Bernadette Reis, Verantwortliche für die englischsprachigen Publikationen auf „Vatican News“, der Artikel habe der „redaktionellen Ausrichtung“ der Medienseite des Vatikans zu den Folgen der Coronavirus-Pandemie widersprochen. Der Text habe zudem „die Gefühle vieler Leser von ,Vatican News‘ verletzt“.

          Von dieser Begründung stimmt nur die zweite Hälfte. Tatsächlich hat der Umstand, dass der Autor für die inzwischen 50.000 Todesopfer der Epidemie kaum ein Wort übrig hatte, einen mittleren Shitstorm verursacht. Von sonderbar über enttäuschend bis abstoßend lauteten die Urteile über den Artikel, der mit dem sozusagen amtlichen Siegel der „Vatican News“ versehen war.

          Von einem Abweichen von der „redaktionellen Ausrichtung“ der umfassenden Medienoperation des Vatikans unter Papst Franziskus kann jedoch nicht die Rede sein. Der junge Jesuit aus Nigeria zeigt sich im Gegenteil als Musterschüler des Jesuiten Franziskus, dessen Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ er in seinem in Ungnade gefallenen Artikel eifrig zitiert. Zustimmend erwähnt Mayaki den Absatz aus der Enzyklika vom „Stöhnen der Schwester Erde“, die von uns Menschen „niemals so schlecht behandelt und so verletzt“ worden sei „wie in den letzten beiden Jahrhunderten“. Kann es da überraschen, wenn die misshandelte „Schwester Erde“ irgendwann zurückschlägt?

          Und hatte nicht Franziskus selbst in seinem Interview mit dem spanischen Journalisten Jordi Évole vom 22. März davon gesprochen, dass die Coronavirus-Pandemie so etwas sei wie der „zornige Weckruf der Natur, damit wir uns endlich um die Natur kümmern“? Vorzuwerfen ist dem jungen Jesuiten allenfalls, dass er in einer Art intellektueller Kurzschlusshandlung von der „Schwester Erde“ auf den „Bruder Virus“ kam und dabei das Sterben von Zehntausenden und den wirtschaftlichen Ruin von Millionen als bloßen Kollateralschaden auf dem Weg zum Heil(en) der Natur deklarierte.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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