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Covid-19-Sterbezahlen : Streecks heikle Sprechstunden

Beerdigungszeremonie im südafrikanischen Johannesburg für die Covid-19-Opfer der ersten Infektionswelle. Bild: EPA

Wer redet schon gerne über den Tod? Corona-Dauertalker Hendrik Streeck hat sich mit einer unwürdigen Bemerkung zu den Sterbezahlen durch Covid-19 ins ärztliche Abseits gestellt und sich fast schon unsterblich gemacht.

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          Zur Besonderheit der Arztkunst gehört es, wie der stets als medizinischer Laie sprechende Philosoph Hans-Georg Gadamer in seinem unvergesslichen Band zur „Verborgenheit der Gesundheit“ betonte, nicht einfach ein Produkt herzustellen, sondern den Menschen selbst mit seinem Können heilen zu wollen. Diese Kunst begründet geradezu die Autorität des Arztes. Und um einen Missbrauch solcher Autorität möglichst zu unterbinden, gibt es das Gelöbnis des Arztes und seine Bindung an die Genfer Deklaration als zeitgemäße Version des hippokratischen Eids, in dem nicht nur die „Autonomie und die Würde meiner Patienten als oberstes Anliegen“ aufgeführt ist, sondern auch der höchste Respekt und der „Dienst an der Menschlichkeit“ verlangt werden.

          Die Selbstdisziplin, die das vom Arzt verlangt, droht allerdings durch deren Sprechstunden im Fernsehen heute leicht verlorenzugehen. Was dann auf prekäre Weise sichtbar werden kann, wenn etwa im Glanz der Öffentlichkeit das Wort zur Selbstentblößung verhilft. So geschehen mit dem als Anti-Drosten gehandelten und wahlweise als Arzt, Virologe, politischer Gewährsmann oder als Tröster libertärer Corona-Seelen gebuchten Talkshow-Dauergast Hendrik Streeck. Bei „Maischberger“ hat er sich jetzt mit einer, humanistisch betrachtet, geradezu frivolen Bemerkung wieder ins Rampenlicht gerückt: „Ich finde es müßig, über Todesfälle zu reden.“

          Wer diesen Satz als Arzt über die Lippen bekommt und dies für einen Augenblick nicht nur auf nackte Zahlen bezieht, wie das in der Corona-Debatte ohnehin allzu fahrlässig geschieht, der kommt schnell auf die üblichen Stereotype, die für keinen von Krankheitsnot bedrohten Menschen lustig sind. Dass der Kliniker etwa die Nähe zum Patienten verlöre und der Mensch in der wissenschaftlich gesteuerten Heilkunst zuerst zur Fallnummer werde, gleich nachdem ihm bewusst werden muss, welchen ökonomischen Rang die Beschäftigung des Arztes mit seinem Fall einnimmt. Nun kann man Professor Streeck, dem Kliniker, auch zugutehalten, dass er vor den Mikrofonen in wissenschaftlicher Mission unterwegs ist und weniger in ärztlicher.

          Aber auch in dieser Hinsicht, etwa wenn es um die Sterbezahlen in der Covid-19-Pandemie geht, gibt es gewisse Regeln, die er natürlich kennt. Seine Wiederholung, die Covid-19-Letalität in dem von ihm betrachteten – objektiv nicht repräsentativen – Untersuchungsgebiet Heinsberg liege lediglich bei 0,37 Prozent, lässt sich als seriöser Wissenschaftsvermittler in dieser statistischen Allumfassenheit beispielsweise gar nicht mehr ohne den Hinweis vertreten, dass fortgeschrittene empirische Befunde und Analysen anderes, Differenziertheit nämlich, nahelegen. Das gilt einerseits für die sehr viel höhere Sterblichkeit der älteren Covid-19-Patienten jenseits der siebzig. Es gilt andererseits aber auch für Heinsberg als Ganzes, in dem sich die Zahl der Corona-Todesfälle mittlerweile deutlich erhöht hat. Wie schrieb Gadamer: Den Tod zu verdrängen sei der Wille des Lebens. An das Ende denkt wirklich keiner gerne. Aber ist es deshalb auch für einen Arzt überflüssig, über Todesgefahren zu reden?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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