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Corona-Sprache : Wie verrückt ist das Normale?

Mit der Absperrung leben? Fitness in Corona-Zeiten Bild: dpa

Das Schlagwort von der „neuen Normalität“ macht die politische Corona-Runde. Damit werden Ausnahmen zur Norm erhoben. Warum sagt man nicht einfach „neue Wirklichkeit“?

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          Nun hat die „neue Normalität“ auch einen Wikipedia-Eintrag erhalten. Es handele sich um einen Begriff, heißt es dort, „der durch die Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 in Österreich und Deutschland zu einem politischen Schlagwort wurde“. Olaf Scholz und Jens Spahn beispielsweise würden das Schlagwort analog zum Begriff Wirklichkeit verwenden. Ja, aber warum sagen die beiden Minister und viele andere dann nicht „neue Wirklichkeit“, wenn sie ein verrücktes Leben mit besonderen Hygienevorschriften und Abstandsregeln meinen? Warum sagen sie normierend „neue Normalität“, wenn es um den eingeschränkten Normalbetrieb von Fitnesscentern oder Schlachthöfen geht? Soll hier etwa heimlich auf Dauer gestellt werden, was doch angeblich Ausnahmecharakter hat?

          Von virulenter Geschmeidigkeit

          Ebendies befürchtet der Sprachphilosoph Paul Sailer-Wlasits, der jetzt, wo das neue Normale in der Politik die Runde macht, das Copyright auf den Begriff erhebt. Doch braucht man hinter der „neuen Normalität“ gar nicht erst politische Sabotage zu vermuten, um begriffsstutzig zu werden. Wie umstandslos hier das Sein für ein Sollen genommen wird, verstört nämlich nicht erst als Sprachregelung der Exekutive, sondern viel näherliegend als Code der Selbstverständigung. Ist nicht schon unser pandemieloses Sein viel zu verrückt, um es als ein Sollen für selbstverständlich zu halten? Genau dies hat die Pandemie ja freigelegt: Man muss nur etwas Abstand vom Gewohnten nehmen, um zu erkennen, in welch dünner Luft unsere Normalitätsvorstellungen hängen. Sie sind von virulenter Geschmeidigkeit. Tatsächlich kann erst im Abstandsbewusstsein ein festgefahrenes, irrtümlich normalisiertes Leben wieder flottgemacht werden. Die Pathologie der Normalität ist seit Erich Fromm ein geflügeltes Wort, weil es Anpassungen gibt, die krank machen.

          Das große Befremden

          Umgekehrt erklären nicht auf Diagnosemanuale fixierte Psychiater, dass wir uns selbst im psychischen Ausnahmezustand immer noch im Normalitätsbereich des Menschen bewegen und nicht etwa außerhalb seiner perfekt gedachten Natur: „Psychisch krank sein ist kein Verrücktsein in einem anderen Sinnraum außerhalb der menschlichen Normalität“, schreibt Markus Preiter in seinem Buch „Die Logik des Verrücktseins“. „Vielmehr handelt es sich um eine Verdichtung dessen, was wir als Menschen sind und was uns ausmacht. Die befremdlichen und manchmal verstörenden psychiatrischen Phänomene sind Verdichtungszitate der anthropologischen Matrix, die uns alle formt und prägt.“ Es ist unser bloß graduell verdichtetes Verrücktsein, das jede neue Normalität von Haus aus unterläuft. Was spricht aus dem Befremden unserer Tage, wenn nicht die Unmöglichkeit, sich für normal zu halten?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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