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Soziale Isolation : Die Kontrolle ist flöten

  • -Aktualisiert am

Als die Wohngemeinschaft noch keine Sperrzone war Bild: Felix Eder

Jetzt also wieder Familienleben wie zu Babyboomer-Hochzeiten, mit Mitbewohnern, Freund oder Freundin am Küchentisch. Gar nicht so leicht für eine Generation, die von der Balance zwischen Nähe und Distanz lebt.

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          Auf einmal sind sie alle im Haus, wie damals bei Familienzusammenkünften an Festtagen. In der Küche wird geschnitten und gekocht, auf dem Kühlschrank türmt sich Blattspinat, das Bad ist besetzt. Man hat sie sich nicht ausgesucht, diese neuen WG-Office-Kollegen, jedenfalls nicht in dieser Funktion, nicht gerade jetzt und schon gar nicht auf einmal an einem Ort. Das Social-Distancing-Gebot hat der Freiheit der sogenannten Generation Y, zu einem selbsterkorenen Zeitpunkt den Menschen zu begegnen, die sich gerade der Begegnung empfehlen, an einem nach einigen Abwägungen ausgewählten Ort, ein Ende gesetzt.

          Stattdessen stehen junge, postpragmatische Paare in ihrer Wohnung vor der Frage, ob nun gemeinsame Essenszeiten vereinbart werden müssen (man hat aus China gehört von den ungezählten Corona-Scheidungen nach Wochen der Isolation). Stattdessen versinken kinderlose Individualisten hinter dem PC in Räumen, die einst für angelegentliche Filmabende und unvermeidliche Schlafzeiten vorgesehen waren. Und die anderen Angehörigen dieser sogenannten Generation nebenan, sie klopfen und schlagen Türen und spülen nicht und leiten Telefonkonferenzen und stürmen über den Flur, und die über Jahre zur Perfektion gebrachte soziale Kontrolle ist flöten.

          Achtsamkeitsübung

          Jetzt also wieder Familienleben wie zu Babyboomer-Hochzeiten, mit Mitbewohnern, Freund oder Freundin am Küchentisch. Wie damals kein Grund zur Klage, schließlich sind das die Menschen, die man am meisten schätzt, schließlich legen andere in Krankenhäusern Nachtschichten ein, beschwichtigen in Supermärkten und IT-Hotlines verängstigte Verbraucher oder sind ganz auf sich gestellt, isoliert von Enkeln und Freunden.

          Überhaupt dürfte sich die Generation der Kommunikationstalente nicht über Nähe beschweren. Nähe ist großartig, vor allem dann, wenn man sie sich selbst aussuchen kann, eine wohlüberlegte, ausbalancierte Mischung aus Begegnung und Freiraum, eine Achtsamkeitsübung wie in Leif Randts Roman „Allegro Pastell“ oder den Geschichten der irischen Autorin Sally Rooney, wo sich immer dann am meisten ereignet, wenn die Leute gerade nicht beisammen sind, sondern einander schreiben oder übereinander nachdenken. Also durchatmen. Ein paar Seiten lesen. Weghören, wenn vor der Zimmertür mit Tellern geworfen wird. Und abwarten, ob sich das Ende der Begegnung mit sich selbst nicht anfühlt wie ein längst fälliges Familientreffen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

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