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Corona-Pandemie : Die Verhaltensauffälligen

  • -Aktualisiert am

Ein Mäusebussard- Pärchen hat in der Stadt ein Nest gebaut. Bild: Helmut Fricke

Jetzt kommen die Tiere in die Stadt. Dabei ist die neue Ruhe für manche von ihnen trügerisch. Sie suggeriert den Zuwanderern, dass die Stadträume leer sind.

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          Den Anfang machte ein Habicht. Der saß vor vier Tagen etwas höher in einem noch blattlosen, gut einsehbaren Baum im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg und kröpfte eine Ringeltaube. Wobei kröpfen nichts anderes als fressen bedeutet. Seltsam war an dem Vorgang erst einmal nichts, bis auf die Ruhe, mit der der Habicht die Taube buchstäblich zerpflückte. Denn auch wenn Habichte schon länger in Städten wie Berlin siedeln und in manchen Hinterhöfen täglich bis zu dreimal vorbeikommen, um den Taubenbestand zu überprüfen, sind sie eher scheu geblieben.

          Wahrscheinlich war es einfach die Ruhe, die mit den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie in den Park eingekehrt ist, die auch den Vogel ruhiger fressen ließ. Eine Ruhe, die wohl auch deshalb die Tiere zu mehr öffentlicher Aktivität verführt, weil sich die Parkbesucher jetzt in der Regel an die Vorgaben halten. So konnte man noch am selben Tag vier Bussarde im Park sehen, und die waren alles andere als ruhig. Die stritten sich – wenn auch kurz – sehr heftig und schreiend laut. Und man spekuliert nicht zu viel, wenn man annimmt, dass es zwei konkurrierende Paare waren, die sich da stritten.

          Nilgänse in Frankfurt am Main

          Im Viktoriapark lebt seit Jahren ein Bussardpaar, das in den letzten sechs Jahren auch jedes Jahr ein Junges großgezogen hatte, was man in der näheren Umgebung nur schwer überhören konnte. Jedes Mal, wenn das Junge so groß war, dass es entwöhnt werden konnte, hörte man seine Bettel- und Verlassenheitsrufe von wechselnden Bäumen und Hausdächern, so herzerreißend und durchdringend, dass man die Eltern verfluchen wollte. Der Park ist also nicht nur ein ausgezeichnetes Revier für Bussardpaare; er ermöglicht es den Vögeln auch, sehr erfolgreich Junge großzuziehen. Nur scheint es so zu sein, dass für zwei Paare dann doch nicht ausreichend Platz vorhanden ist.

          Interessant ist aber, dass die Bussarde ausgerechnet jetzt auf die Idee kommen, im Park einen Ansiedlungsversuch zu starten. Wenn es tatsächlich mit den wesentlich geringeren Störungen durch die heruntergefahrene menschliche Aktivität im öffentlichen Stadtraum zusammenhängt, wäre die Reaktion der Vögel jedenfalls extrem schnell. Auch das ist nicht ungewöhnlich. Tiere können sehr schnell sich neu öffnende Lebensmöglichkeiten und -räume entdecken. Aber das geschieht nur dann, wenn der Druck, sich neue Biotope zu suchen und zu erschließen, besonders stark ist. Normalerweise dauert es oft Jahre, bis Tiere zuvor ungewohnte Umgebungen besiedeln. Es sei denn, sie wurden aktiv von Menschen umgesiedelt und in Gegenden verfrachtet, in denen sie plötzlich ihnen bis dahin selbst nicht bekannte Verwirklichungsformen finden.

          Exemplarisch kann man diesen Fall an den Nilgänsen in Frankfurt am Main studieren. Normalerweise leben Nilgänse in Afrika, vom Nil bis nach Südafrika, und brüten in unfassbaren Höhen in Bäumen. In Höhen, bei deren Anblick man sich jedes Mal fragt, wie da ein Küken lebendig runterspringen kann. In Frankfurt fanden die an warme Klimata gewöhnten Gänse so gute Bedingungen vor, dass man noch Anfang Dezember vergangenen Jahres am Mainufer eine Nilgans schwimmen sah, mit sieben Jungen, bei denen gerade erst an den Flügeln das Daunenkleid durch richtige Federn ersetzt wurde. Im Januar dann waren die Nilsgansgössel, wie die Küken bei Gänsen heißen, fast schon durchgefedert, und es waren immer noch sieben. Was ein Aufzuchtsergebnis ist, das jede einheimische Stadtente und Graugans übertrifft.

          Es ist auch die herausragende Betreuung der Jungen, die die Nilgänse in Frankfurt zur Pest hat werden lassen. Jedenfalls in der Wahrnehmung der meisten Bürger der Stadt. Das Wissen, dass die Gänse nicht von selbst nach Frankfurt gekommen, sondern von Menschen dorthin transportiert worden sind, spielt bei solchen schimpfenden Pestdiagnosen keine Rolle. Am Anfang zu Showzwecken in dafür angelegten Gehegen in Parks und Zoos gehalten, fanden auch diese Gänse das Leben außerhalb der Gehege und Zäune besser als das hinter Gittern. Im Moment jedenfalls, so hört man, genießen auch am Mainufer die Nilgänse, dass die Störungen durch die Menschen wesentlich zurückgegangen sind. Was nicht unbedingt eine gute Nachricht für kleinere Entenvögel ist, die in der direkten Konfrontation mit Nilgänsen kaum eine Chance haben.

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