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Fiktion und Corona-Realität : Macht euch nützlich!

  • -Aktualisiert am

Was die Musen noch wussten, von Geschichten und der Geschichte, von der Kunst, Fiktion und Realität: Vor der Frankfurter Paulskirche steht Clio, die Muse der Geschichte. Bild: dpa

Jetzt, da wir zwangsweise Zeit haben, stellt sich die Frage, mit welchen Geschichten wir uns beschäftigen. Soll uns Unterhaltung ablenken oder sollten wir nicht lieber etwas tun?

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          Die „Lindenstraße“ ist zu Ende gegangen; dafür wirken bei vielen Serien im Fernsehen oder auf den Streamingplattformen bereits die Pilotfolgen wie Episode Dreitausend. Der Blockbuster beim Privatkinofestival zu Hause quält zwei Stunden lang mit Erzählmustern, die man kommen sieht, wenn’s losgeht. Bei der Einkaufsfahrt entdeckt man ein geöffnetes Autokino, aber es zeigt nur Zeug von der Stange. Storyproduktionsstätten öffnen ihre Silos, lauter Verpackungsmaterial strömt heraus.

          Wozu will man sich überhaupt was Ausgedachtes vorspielen lassen? Zum Lachen, zum Trost, zum Wachbleiben, zur Erbauung? Vielleicht alles das; dann wäre es an der Zeit, sich die Trickfilme der „Monogatari“-Reihe anzuschauen, bei der zwischen „Bakemonogatari“ und „Zoku Owarimonogatari“ sämtliche Regungen geweckt werden, die das Erzählen überhaupt auslösen kann („Monogatari“ heißt ja auch „Geschichte“).

          Falls man es grundsätzlich nicht mag, wenn auf Seelenknöpfe mit bekannten Effekten gedrückt wird, kann man „Devs“ auf Hulu gucken (allerdings noch nicht hierzulande), da geht‘s um das nie Gedachte, noch nirgends Gezeigte.

          Fiktion gestaltet keine Informationen, sondern Haltungen im Sinne von bewussten Dispositionen zu Handlungen oder Unterlassungen: Es gibt Kampfhaltungen und entspannte; fordernde wie entsagende. Eine Story schaut, hört oder liest man, während man etwas anderes nicht tut, sie ist eine Pause zwischen Tun und Tun, wie eine Theorie.

          Haltungen beziehen sich auf Wirkliches; wer sie gestaltet, muss Wirklichkeit mitgestalten, sonst sieht man nicht, wozu die Haltung sich verhält. Gestaltung heißt, dass sich Stoff (etwa das Leben des Doktor Faust), Thema (der Pakt mit dem Bösen) und Form (das Drama) aneinander messen.

          Realistische Haltungen sind solche, mit denen sich auf der Welt etwas machen lässt. Ein Film über Götter oder denkende Roboter kann daher realistisch sein, einer auf der Grundlage von wirklichen epidemiologischen Statistiken total unrealistisch. Es ist wie bei Gesellschaftstheorien: Eine, die sagt, ein Krankenhaus oder eine Schule seien wie ein Knast, weil man nicht selbst bestimmt, wann und wie lange man hinein muss, ist in manchen Situationen ziemlich wertlos und daher langweilig. „Sieht aus wie“ wird immer ein schlechtes Argument sein; meistens ist es aber auch kein guter Erzähleinfall.

          Die Musen raten den Menschen: Wenn es ernst wird, schützt euch und andere, macht keine Geschichten, sondern euch nützlich. Dann könnt ihr hinterher und zwischendurch, mit Glück, wieder die erzählenden Künste genießen. Sie sind das Mögliche, das dem Wirklichen winkt.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

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