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Edo Reents (edo.)

Maskenjubiläum : Übers Ohr

  • -Aktualisiert am

Eng hinter den Ohren: Die Masken können ganz schön einschneiden. Bild: obs

Seit gut einem Jahr sind wir daran gewöhnt, uns die gummierten Bänder hinter die Hörmuscheln zu streifen, um unsere Masken zu befestigen. Unangenehm bleibt das Accessoire hinter den Ohren trotzdem, oder?

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          Und? Sitzt die Maske noch bequem? Oder spüren Sie langsam auch dieses lästige Ohrenkneifen? Je nach Kopfgröße und Länge der Gummischlaufen kann es nämlich schon mal fies zwicken hinter den Ohrmuscheln, die sich nun, nach gut einem Jahr des Tragens von Mund- und Nasenschutz, als druckempfindlicher erweisen, als ihr verhältnismäßig hoher Knorpelanteil vermuten ließ. Wer tiefer in sich hineinhorcht, wird womöglich feststellen, dass man auf die Dauer richtige Kopfschmerzen davon bekommt – ein Phänomen, das bisher nur Brillenträger kannten, bei denen die Bügel zu kurz sind und deswegen auch so zermürbend aufs Ohr drücken.

          Der Schmerz ist das eine, wir wagen zu behaupten: Nachrangige; das andere ist die Frage: Was macht das rein äußerlich mit den Ohren, dass sie die meiste Zeit des Tages so derartig in der Bredouille sind? Die meisten stehen einfach nur weiter ab. Das wäre das Phänomen „Segelohren“, deren Träger früher, zumal in der Kindheit, hässlichem Spott ausgesetzt waren; man denke an Joachim Ziemßen aus dem „Zauberberg“, dem seine abstehenden Ohren zum „leichten Kummer seiner guten Jahre“ gereichten.

          Es gibt aber auch Ohren, die von den Schlaufen dermaßen stranguliert werden, dass sie kaum noch zurückgehen, selbst wenn die Maske schon längst abgenommen ist, und gleichzeitig etwas röhrenförmig Zusammengekniffenes, grotesk Verkleinertes bekommen. Das wirkt auf faszinierende, unbedingt lachen machende Weise abstoßend und gewinnt, je länger die Pandemie dauert, desto stärkere Ähnlichkeit mit dem Blumenkohlohr, das Freunden des Boxsports bekannt sein dürfte. Es handelt sich hierbei – man muss das so knallhart sagen – um eine Missbildung infolge von äußerer Gewalt, meistens natürlich von Hieben oder auch scharfen Abreibungen, bei denen sich Blutergüsse bilden, die, wenn sie nicht verarztet werden, zu diesen Verformungen führen, welche von fern an dieses schmackhafte Gemüse erinnern und dann auch kaum noch rückgängig gemacht werden können, mithin lebenslängliches Schicksal sind.

          So weit ist es in der Bevölkerung noch nicht. Aber eine schleichende Blumenkohl- ohrisierung ist zweifellos im Gange, die, wenn nicht bald ein Impfwunder geschieht, uns irgendwann alle aussehen lässt wie kampferprobte Boxer, die wir, metaphorisch gesprochen, ja irgendwie längst sind. Gesundheitsminister Spahn hatte prophezeit, wir würden einander nach Corona einiges zu verzeihen haben. Werden wir den Nachgeborenen dermaleinst den Kopf hinhalten, auf die verformte Muschel wie auf eine Trophäe aus geschlagener Schlacht zeigen und, nicht ohne geheimen Stolz, sagen: „Hier, dieses Blumenkohlohr habe ich aus der Zeit der großen Seuche!“?

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