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Wozu „bella figura“ machen? : Glatte Gesichter und ungebügelte Hemden

Ob diese Besucherin der Mailänder Modewoche eine Atemschutzmaske trägt, um postoperative Spuren zu verbergen? Wahrscheinlich nicht. Dafür eigne sich die Maske aber ganz wunderbar, erklärt ein Schönheitschirurg. Bild: dpa

Sich elegant zu kleiden, sich zu zeigen, das ist in Italien fast Pflicht. Doch die Monate im Homeoffice haben ihre Spuren hinterlassen: Die Bekleidungsindustrie jammert, aber eine andere Branche profitiert von der Pandemie.

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          Italiener haben eine Leidenschaft für Schönheit. Häuser werden nach ihren Eingängen beurteilt, Politiker aufgrund ihres Lächelns, Tischlampen und Autos wegen ihres Designs, und nur in Italien gibt es ein Verb wie fare bella figura. Die Menschen haben den Ausdruck so tief verinnerlicht, dass es vielen schwerfällt, zu erklären, was genau er meint.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wörtlich lässt er sich mit „eine schöne Figur machen“ übersetzen, im übertragenen Sinn mit „einen guten Auftritt liefern“. Es geht um Stolz, Attraktivität und Aussehen, aber auch um Angeberei, Manieren, Etikette, sozialer Status, Reputation, Wunsch und Illusion. Manche sagen, fare bella figura sei eine zentrale Metapher für das italienische Leben. Für Ethnologen und Soziologen beschreibt er eine tief verwurzelte Form der performativen Interaktion. Sie bedarf der Zuschauer, die den Auftritt bewerten, worauf im Idealfall eine Festigung oder sogar Aufwertung der sozialen Identität erfolgt. Sie bedarf eines Ortes, an dem man auf Zuschauer trifft, was unter anderem die Bedeutung der Piazza in Italien erklärt und wieso ein Restaurantbesuch dort weitaus mehr ist als eine Chance auf gutes Essen. Zudem braucht es individuelle Sorgfalt und Mühe, sich so zurechtzumachen und aufzutreten, damit die Reaktion beifällig ist. Der italienische Journalist und Gesellschaftsbeobachter Beppe Severgnini hat einmal festgestellt: Man könne seinen Landsleuten bei vielem durchaus mangelhaftes Engagement vorwerfen. Gehe es jedoch um das persönliche Erscheinungsbild, wendeten sie unbewusst die Pfadfinderanweisung „Gib dein Bestes“ an.

          Tatsächlich kann man an nur wenigen anderen Orten der Welt so viele elegant und stilsicher gekleidete Menschen beobachten wie in Mailand, Neapel oder Rom. Wer einmal zur Mittagszeit in einer dieser Städte war, wird ihren Auftritt nicht so schnell vergessen. Zu zweit oder in Grüppchen kommen sie in der Mittagspause aus den Bürogebäuden, unterwegs zum Mittagessen in ein Lokal, auf das in der Bar ein schneller Kaffee folgt. Man sieht einen Strom von attraktiven Frauen und Männern, von guten Stoffen, Farben und passgenauen Schnitten, von persönlichen Akzenten, abgestimmten Accessoires. Alle potentiellen körperlichen Vorzüge werden methodisch in Szene gesetzt und einander Komplimente über das Ergebnis gemacht. Sicherlich, auf einem italienischen Bürgersteig mit seinen Tischen von Restaurants und Cafés ist oftmals kaum Platz, um zu dritt oder viert lässig nebeneinander herzugehen. Die Straße wird für das Defilee deshalb einfach mitbenutzt. Eine solche Geste ist weder zufällig noch gewagt. Sich zu kleiden, zu zeigen und raumbestimmend zu bewegen ist in Italien eine performative Kunst. Keiner der Auftretenden hält sich für etwas Besonderes. Jeder ist ein Star, wie klein seine Rolle auch sein mag.

          Getragen wird jetzt Casual

          Nun sind auch die Menschen in Italien schon seit geraumer Zeit im Homeoffice. Sie sehen sich fast nur noch im engen Rechteck ihrer Bildschirme. Die Bürogebäude, Piazzen und Straßen sind verwaist, die Lokale geschlossen. Es gibt keine Begegnungen in der Bar, keine Meetings oder Mittagessen mit Kollegen. Der Besuch von Kino, Theater, Oper oder eines Festes ist nostalgische Erinnerung. Sieht man einmal von der kurzen Pause des Sommers ab, sind den Italienern sämtliche Bühnen, um bella figura zu machen, abhandengekommen. Das hat einen Dominoeffekt ausgelöst.

          Man sieht keine Anzüge, keine Hemden und Krawatten mehr, keine Seidenblusen, keine Abendgarderobe. Das alles bleibt im Schrank. Getragen wird jetzt Casual, das heißt Jogginghose oder Jeans mit Pulli. Für Zoom-Konferenzen mit Kollegen liegen zwar bessere Outfits bereit, die allerdings dem Umstand Rechnung tragen, für die anderen nur mit dem Oberkörper sichtbar zu sein. Die italienische Bekleidungsindustrie jammert, weil sie mittlerweile selbst online wenig verkauft. Wirklich stark getroffen aber sind die Wäschereien. Im mondänen Mailand etwa, über dessen Einwohner und deren eleganten Kleidungsstil schon ganze Bücher geschrieben worden sind, ist ihr Umsatz um bis zu siebzig Prozent eingebrochen. Einige mussten schließen: Sie waren systemrelevant für ein Leben im Zeichen von fare bella figura. Jetzt werden ihre Dienste nicht mehr gebraucht. Die Insignien des großstädtischen Lebens zu Zeiten der Pandemie können einfach in die Waschmaschine gesteckt und, wenn’s denn überhaupt sein muss, auch selbst gebügelt werden. Es ist ein Schleifenlassen von Sitten und Gebräuchen, das Langzeitfolgen haben könnte, befürchten italienische Modeblogger.

          Der unbarmherzige Blick der Computerkamera

          Dass die Italiener sich aber keineswegs aufgegeben haben, sondern flexibel auf die neuen Bedingungen des Sehen und Gesehen-Werdens reagieren, zeigt jetzt eine Nachricht, die für einiges Aufsehen gesorgt hat: Italien erlebt seit einigen Monaten und trotz Pandemie einen Boom chirurgisch-ästhetischer Behandlungen. In den vergangenen Monaten sind sie um bis zu dreißig Prozent gestiegen.

          Im Zentrum steht das Gesicht. Wegen der vielen Videokonferenzen hat man es nun ständig selbst vor Augen. Tag für Tag quält der unbarmherzige Blick der Computerkamera. Vor allem Miniliftings, Straffungen der Augenlider sowie Behandlungen mit Botox oder Hyaluronsäure sind deshalb gefragt, die wie freundliche Weichzeichner für Stirnfalten, Plisseefältchen und Krähenfüße wirken. Selbst Italiener, die früher nie etwas mit Schönheitschirurgie am Hut hatten, entscheiden sich nun dafür. Marco Gasparotti, der in Rom residierende König seiner italienischen Zunft, sagte kürzlich, die Atemschutzmaske sei für viele eine wichtige Entscheidungshilfe. Mit ihr ließen sich postoperative Spuren schließlich wunderbar verbergen, bis alles abgeheilt ist. Und nie war ihr Tragen unauffälliger als jetzt. Selbst frisch geliftet und mit kleinen Blutergüssen im Gesicht macht man mit ihr bella figura.

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