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Lockdown in Frankreich : Bücher? Im Dezember wieder

  • -Aktualisiert am

Die Kette Fnac verkauft normalerweise auch Bücher – jetzt sind diese Abteilungen geschlossen. Bild: AFP

Auch Frankreich hat für vorerst einen Monat strengere Regeln erlassen. Die Buchhandlungen schließen – und alle systemrelevanten Läden, die auch Bücher verkaufen, müssen sie aus dem Sortiment nehmen.

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          Ausnahmen gibt es immer, nach diesem Prinzip funktioniert die berüchtigte französische Bürokratie. Aber sie müssen bewilligt werden. Frankreich regelt seinen zweiten Lockdown wie den ersten: Wir dürfen das Haus nicht verlassen. Aber es gibt geregelte Ausnahmen. Den Hund darf man spazieren führen. Zum Arzt und zur Verwaltung gehen. Überlebenswichtige Nahrungsmittel einkaufen. Eine Stunde lang den Körper im Freien ertüchtigen. Neun Haupt- und eine Unzahl von Unterausnahmen sind vorgesehen, die eine „dérogation“ rechtfertigen. Das Wörterbuch hält für diesen Begriff die Übersetzungen „Ausnahmeregelung“ und „Sondererlaubnis“ bereit, präzisiert aber auch: Beeinträchtigung, Abbruch, Verstoß (gegen das Gesetz), Herabsetzung. Für eine Ausnahme muss man sich entscheiden und mit Adresse, Zeitangabe, Unterschrift für sie bürgen.

          Der Schlaumeier, der auch geistige Nahrung für existentiell notwendig halten könnte, kommt nicht viel weiter: Die Buchhandlungen sind zu. Aus Protest gegen ihre Schließung ist das Patronatskomitee der „Année de la bande dessinée 2020“ – mit Catherine Meurisse, deren Werk gegenwärtig im Centre Pompidou gezeigt wird – zurückgetreten: „Ihr macht sie dicht? Auch wir machen zu!“ Das vom Kulturministerium organisierte Comic-Jahr sei angesichts der Lockdown-Maßnahmen zur „sinnlosen Maskerade“ verkommen. Genauso grotesk wie die Schließung der unabhängigen Buchhandlungen sind die Ausnahmen: Supermärkte sollten weiter Bücher verkaufen können – das inzwischen doch erlassene Verbot ist vielleicht sogar noch absurder. Die Großhandelskette Fnac, deren Geschäfte wegen ihrer Informatik-Abteilungen geöffnet bleiben, hat freiwillig auf den Verkauf von Büchern verzichtet. Die Jury des Prix Goncourt – sie tagt in einer Woche – warnte im Voraus: Werden die Läden geschlossen, gibt es keinen Preis. Die Académie française hat ihren Laureaten bestimmt, aber nicht bekanntgegeben.

          Die Verbände der Autoren und Verleger fordern die umgehende Wiedereröffnung. Gestern veröffentlichten die Zeitungen ganzseitige Anzeigen der „Cultura“-Supermärkte: „Im Land der Aufklärung dürfen die Lichter des Buchhandels nicht gelöscht werden.“ Im Frühjahr hatte Emmanuel Macron die Franzosen im Fernsehen aufgefordert, Bücher zu lesen. In den vergangenen Monaten konnte sich die Branche erfreulich gut erholen. Bei der Verkündung des zweiten Lockdowns erwähnte Macron die Kultur nun mit keinem Wort. Die für sie zuständige Ministerin Roselyne Bachelot ist machtlos. Vergeblich hatte sie versucht, die zuvor verordnete Ausgangssperre zu lockern: Die Besucher der Theater, Kinos, Konzerte sollten notfalls auch eine viertel oder halbe Stunde nach 21 Uhr zu Hause eintreffen dürfen – mit der Eintrittskarte als Ausnahmebewilligung. Es gab sie nicht, und inzwischen ist sowieso alles dicht. Nach dem bürokratischen Debakel mit Corona-Tests und Masken setzt der Kulturstaat im Chaos auch noch eine zivilisatorische Errungenschaft aufs Spiel, die weltweit bewundert und von Hollywood und der Globalisierung bekämpft wurde: seine „exception culturelle“ – die berühmte kulturelle Ausnahme.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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