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Dietrich Brüggemann und „Nö“ : Die Moral des Kinos, die Moral des Lebens

Beim Ultraschall: Mark Waschke als Arzt, Anna Brüggemann als Dina und Alexander Khuon als Martin in dem Film „Nö“. Bild: Flare Film/Filmwelt Verleihagentur

Der Regisseur Dietrich Brüggemann wurde als einer der Initiatoren von #allesdichtmachen bekannt. Jetzt bringt der Kritiker der Corona-Politik einen neuen Film ins Kino: „Nö“. Eine Begegnung.

          7 Min.

          Natürlich trägt er eine Maske, so selbstverständlich, wie er meist eine Kappe trägt, die den zurückweichenden Haaransatz verdeckt. Und ein T-Shirt, auf dem „Metaphysica“ steht und das die Köpfe von Aristoteles, Platon, Parmenides und Pythagoras zeigt.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir sind verabredet in einem dieser Westberliner Vorwende-Café-Restaurants mit älteren, späten Mittagessern und dunklem Holz. Dietrich Brüggemann, der Regisseur und Autor, der im April als einer der Initiatoren von #allesdichtmachen bekannt wurde, ist gekommen, um über seinen neuen Film zu sprechen, der den schönen Titel „Nö“ hat.

          #allesdichtmachen, das war diese Aktion Ende April, bei der mehr als fünfzig prominente Schauspieler von Volker Bruch bis Ulrich Tukur, von Meret Becker bis Heike Makatsch in kurzen, irgendwie satirisch gemeinten Videos die Corona-Politik der Regierung und die Medien attackierten.

          Der Shitstorm kam wie bestellt, einige ruderten gleich zurück, und der 45-jährige Brüggemann, rhetorisch versiert, intellektuell beweglich und überzeugt, eine Mission zu haben, wurde zum Sprecher dieser schnell aus dem Tritt geratenen Bewegung.

          Shitstorm auf Bestellung

          Jetzt hat er gar keine Lust, über Corona zu reden, sagt er gleich, es sei alles gesagt, von ihm. Gut, zitiert man eben aus der Berliner Zeitung, wo er im August sagte, die Aktion habe „massive Auswirkungen auf das ganze Land. Es hat eingeschlagen wie selten etwas.“

          Bescheidenheit geht anders. Man kann auch auf Facebook nachlesen, wo er kürzlich erklärte, warum er nicht zum Festival des deutschen Films in Ludwigshafen fahre: weil man dort auf Anweisung der Behörden die 2-G-Regel befolge.

          „Ich halte es schon für ungut, wenn Gesunde immer erstmal per Test nachweisen müssen, dass sie keine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen“, schreibt Brüggemann, und „wenn dann auch noch die Menschheit per Impfung in zwei Klassen eingeteilt wird, dann sollten wir alle uns fragen, ob wir das wirklich wollen.“

          Er finde das „verheerend, und dabei spielt es noch nicht mal eine Rolle, ob es in der Sache begründbar ist (ist es nicht) und wie oft und wogegen ich selber geimpft oder ungeimpft bin . .. Ich trete vor kein Publikum, das nach irgendwelchen biologischen oder sonstigen Kriterien vorsortiert wurde.“

          Keine Lust auf 2G

          Biologische? Sonstige? Ja was denn nun? Geht es nicht eigentlich eher ums Vorsortiertwerden? Und war Brüggemann nicht auch in Karlovy Vary, wo „Nö“ den Regiepreis gewann und wo die 3-G-Regel galt? So ganz kann Brüggemann auch an diesem Nachmittag natürlich nicht von der Pandemie schweigen.

          Er spricht vom „allgemeinen Misstrauen, das am Anfang der gesamten Corona-Politik steht. Es ist die umgedrehte Unschuldsvermutung: Man gilt a priori als verdächtig und muss seine Unschuld permanent beweisen.“ Aber auch nur, wenn man Ansteckungsgefahr, die von einer Person ausgeht, als schuldhaftes Verhalten betrachtet.

          Brüggemann geht dann über zur nach wie vor niedrigen Mortalitätsrate, erwähnt die vielen, die gar nicht gemerkt hätten, dass sie Covid-19 hatten, sagt noch, in Schweden sei es ja auch anders gegangen. Muss man jetzt echt noch mal mit der deutlich höheren Sterblichkeitsrate in Schweden kommen?

          Er redet schnell, ohne sich zu verhaspeln, pointiert, mit Nachdruck, hebt und senkt gezielt die Stimme, daraus entsteht ein dichter Zusammenhang, es gibt beim Reden keine Pausen, in die Zweifel eindringen könnten.

          Kleine Konsens-Allergie

          Was nicht heißt, er reagiere nicht auf Nachfragen, er nimmt sie kurz auf, redet weiter, spielt ein paar Töne an, aber spielt dann nicht weiter. Sagt dann noch: „Jeder, der geimpft werden will, kann geimpft werden, was will man mehr?“ Und fügt hinzu, Helge Braun und auch Heiko Maas hätten im Frühjahr doch sehr klar verkündet, dass die Maßnahmen enden sollten, wenn jeder ein Impfangebot bekommen habe.

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