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Kultusminister : Das Abstandsproblem einfach leugnen

Erster Schultag in Schwerin am Montag Bild: dpa

Die zweite Corona-Welle rollt an – dennoch sollen nach den Sommerferien die Schulen wieder ganz öffnen. Keiner weiß genau, wie das funktionieren soll. Die Kultusminister verstecken sich hinter Worthülsen.

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          Verbandsvertreter und andere Funktionäre, Kultusminister zum Beispiel, haben es in Pandemiezeiten auch nicht leicht. Ständig zerren von allen Seiten alle an ihnen herum, die Virologen, die Parteien, die Schulen, die Verschwörungstheoretiker, die Richter, die Sozialwissenschaftler – und da sollen sie noch zu Entschlüssen kommen, die es allen recht machen und gleichzeitig irgendwie entschlossen wirken.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was also tun, wenn zum Beispiel jetzt in den ersten Bundesländern die Schule wieder beginnt? Regel eins: wasserdichte Formulierungen, die alle Beteiligten für alle Fälle absichern. Als hieb- und stichfest haben sich bisher bewährt: Wir müssen immer sehr aufpassen und das Infektionsgeschehen im Blick behalten; die Schüler müssen endlich wieder Zugang zur Bildung erhalten; ganz wichtig ist ein durchdachtes Hygienekonzept oder sogar: ein „optimales Hygienekonzept“ (Helge Braun, Kanzleramtsminister).

          Und was ergibt das dann in der Summe? Die Kultusminister haben die „Rückkehr zum schulischen Regelbetrieb“ beschlossen, wie das in der charakteristischen Sprache der für die Bildung Zuständigen heißt, und zugleich die „strikte Einhaltung der Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen“ eingefordert. Mit der gebotenen Strenge mahnen die Minister: „Auffangbehälter für Einmalhandtücher sind vorzuhalten“, desgleichen ausreichend Flüssigseifenspender, außerdem sei alle 45 Minuten eine „Stoßlüftung bzw. Querlüftung vorzunehmen“.

          Keine Maskenpflicht im Klassenzimmer?

          Hinter so viel Sorgsamkeit im Detail ist der entscheidende Satz dann fast etwas verdeckt: „Beim Unterrichtsbetrieb kann auf die Einhaltung des Mindestabstands verzichtet werden.“ Ein geradezu umstürzlerischer Satz: Der Eck- und Angelpunkt aller Pandemiepläne, das Abstandhalten, auf das der Robert-Koch-Präsident alle Einzelnen, Familien und Unternehmen angesichts steigender Infektionszahlen erst jetzt wieder eingeschworen hat, das soll bei denen, für die aufgrund der Schulpflicht der Staat selbst die Verantwortung hat, also nicht gelten – streng genommen wird es sogar, weil den Schulen kein Entscheidungsspielraum bleiben soll, verboten. Und von einer „Maskenpflicht“ wird zwar vielerorts geredet, doch ausgerechnet dort, wo sie am nötigsten wäre, im geschlossenen Klassenzimmer, soll sie fast nirgendwo gelten.

          Es ist klar, wie aufwendig es ist, einen Unterricht in mehreren Schichten zu organisieren, um den nötigen Abstand zu gewährleisten, wie kompliziert auch die gleichzeitige Planung von Präsenz- und Fernunterricht ist, von anderen denkbaren Lösungen wie der Installation von Plexiglasscheiben gar nicht zu reden.

          Aus dieser Kompliziertheit haben die Kultusminister nun offenbar den Schluss gezogen, dass sie das Problem selbst lieber einfach leugnen. Also Regel zwei: In der Realität am besten nichts tun, alles weiterlaufen lassen. Dass sie damit bisher durchgekommen sind, liegt an der umsichtigen Befolgung von Regel eins (wasserdichte Formulierungen). Höchste Zeit, den Trick zu durchschauen. Zu viel steht bei dieser Flucht aus der Verantwortung auf dem Spiel.

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