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Bibliotheken bleiben zu : Wie kommen die Studenten an ihre Bücher?

Wann befüllt der Prof denn endlich den elektronischen Seminarapparat? An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster blickt der Student Daniel Rublack dem Sommersemester entgegen. Bild: dpa

Digitalisierung, möglichst komplett: Der Rektor der Universität Münster macht ein haltloses Versprechen. Es verrät, wie Hochschulleitungen sich den Normalbetrieb vorstellen.

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          An den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen beginnen am heutigen Montag die Lehrveranstaltungen des Sommersemesters. So hat es die Landesregierung angeordnet. Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen lässt mitteilen, dass die mehr als 780 000 Studenten im Land damit „Planungssicherheit“ erhielten. Um „die Gefahr eines sogenannten Null-Semesters zu Lasten der Studierenden“ abzuwenden, haben die Rektorenkonferenzen zugesagt, das Sommersemester als „Online-Semester“ anzulegen.

          Wie planen Studenten für ein Online-Semester? Fangen wir mit dem Einfachsten an: der Beschaffung der für die belegten Lehrveranstaltungen benötigten Literatur. Die Bibliotheksgebäude bleiben bis auf weiteres geschlossen. Der Rektor der Universität Münster, Johannes Wessels, sagte den „Westfälischen Nachrichten“: „Für uns ist es jetzt sehr wichtig, dass dafür gesorgt wird, möglichst alle Bibliotheksbestände digital zugänglich zu machen.“

          Die Kataloge des Bibliothekssystems der Universität Münster verzeichnen 6 062 708 gedruckte Bücher bis einschließlich Erscheinungsjahr 2019 sowie 1 213 224 E-Books. Um alle Bestände für Bildschirmlektüre zugänglich zu machen, müsste die Universität selbst bei großzügigster Anrechnung von Dubletten mehr als fünf Millionen Bücher einscannen oder als elektronische Duplikate erwerben. Auf Nachfrage räumt die Pressestelle der Universität ein, die Interview-Aussage des Rektors sei „möglicherweise etwas missverständlich“ oder „verkürzt“.

          Ausleihe nur für Examenskandidaten

          Was tatsächlich getan wird, ist so sinnvoll wie bescheiden: Für 150 000 Euro wurden weitere E-Book-Lizenzen erworben; die Verwertungsgesellschaft Wort hat der Universitätsbibliothek die bis zum 31. Mai befristete Erlaubnis erteilt, Lehrende mit Kopien aus urheberrechtlich geschützten Werken zu beliefern. Vom Verbot der Buchausleihe ausgenommen sind Studenten, deren Abschlussprüfung ansteht.

          Für alle anderen Studenten ist der Literaturzugang begrenzt auf das, was in Form „elektronischer Semesterapparate“ vorgehalten wird. Diese Literaturauswahl der Dozenten ist beschränkt durch das verlagsfreundliche deutsche Urheberrecht: Von geschützten Werken, die im Buchhandel lieferbar sind, dürfen nur 15 Prozent kopiert werden. Das betrifft jenen Typus von Buch, der für das Studium der Geisteswissenschaften der wichtigste ist: die nicht veraltete Monographie. Zur Vermeidung eines Null-Semesters werden Studenten dieser Fächer also ein Fünfzehn-Prozent-Semester absolvieren.

          Das Bedenklichste an den Verlautbarungen des besinnungslos verkürzenden Zweckoptimismus, der jetzt in fast allen Institutionen die Krisenkommunikation bestimmt, ist, was sie an stillschweigenden Annahmen über den Normalbetrieb enthüllen. Als Physiker hat Rektor Wessels das Verhältnis von Gedrucktem und Ungedrucktem im UB-Magazin falsch eingeschätzt. Das ist nicht weiter bemerkenswert. Aber er darf offenbar mit Professoren der Geisteswissenschaften rechnen, die ihren Studenten die Literatursuche längst abgenommen haben. Der Auszug ersetzt das Buch: Neu ist an diesem Notbehelf in der Krise nur, dass offiziell zu verstehen gegeben wird, er sei kein Verlust.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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