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Amerikas Pandemie-Versagen : Grausamer Opferkult

„Medizinische Freiheit“ – der Aufstand der Trump-Fans gegen Corona-Regeln. Bild: AP

Eine Gesundheitspolitik zum Fremdschämen: Wie die Führungsmacht des freien Westens in der Pandemie das eigene Land und den ganzen Rest der ohnehin verunsicherten Welt zum Verzweifeln bringt.

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          Man kann alles schönreden, solange der Laden läuft und die Kasse noch stimmt. Der Klimaschutz wird schon lange so abgefrühstückt. Aber kann eine Führungsmacht der freien Welt auch Hunderttausende leibhaftige Todesopfer und ein politisches wie gesellschaftliches Chaos rechtfertigen, wenn alles den Bach runtergeht? Kapitel geschlossen wegen Inkompetenz: Wann ist es wohl so weit, dass sich Politik als nicht mehr zuständig erklärt für die Pandemie? Wann wird sie es den Pharmaunternehmen oder einfach der Natur überlassen, die Sache zu regeln?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine Viertelmillion bestätigter Neuinfektionen an einem einzigen Tag, und seit Mai beschleunigt sich die weltweite Verbreitung täglich mehr. Die Vereinigten Staaten allein zählten gestern mit mehr als siebzigtausend neu gemeldeten Covid-19-Positiven an einem einzigen Tag fast genau so viele Infizierte wie China insgesamt seit Ausbruch der Pandemie. Florida hatte Mitte der Woche mehr Neuinfizierte als ganz Europa zusammen. Die Art, wie sich die Wissenschaftsgroßmacht Amerika vor der Welt blamiert, macht nicht nur sprachlos. Sie wird in Europa auch als Symptom einer beklemmenden Ohnmacht wahrgenommen: Mit keinem Land gibt es mehr Verbindungen als mit den Vereinigten Staaten, nirgends haben Europas Forschungseliten mehr Gemeinsamkeiten gefunden – und empfunden.

          „Die Wissenschaft darf uns in unserer Politik nicht im Weg stehen“, lautete diese Woche der wichtigste Satz aus dem Weißen Haus, in dem der unbescholtene Pandemie-Berater Anthony Fauci offenbar nur noch deshalb ein und aus geht, weil er als Feigenblatt – und am Ende als Sündenbock – einer chaotischen Seuchenpolitik herhalten muss. Regiert wird nicht mit Blick auf die weltweiten Folgen, sondern nach politischer Kassenlage: Für Donald Trump und seine Gefolgsleute ist das Virus zu tödlich, um es ganz ignorieren zu können, aber auch nicht tödlich genug, um es wirklich ernst nehmen zu wollen.

          Kapitulieren geht natürlich nicht. Und doch wird inzwischen die Illusion einer Herdenimmunität kultiviert, wenn auch nicht öffentlich deklariert – als sei es ein vernünftiger und realisierbarer Weg, das Virus machen zu lassen und der Masse nach überstandener Krankheit das Gefühl der Immunität, sprich: Unverletzbarkeit, geben zu können. Ein nach Lage der Dinge geradezu perfider Plan. Leute wie Andrew Biggs aus dem Repräsentantenhaus, aber auch Trumps Handelsberater Peter Navarro geißeln die „Fauci-Doktrin“ und wollen doch nur den Präsidenten besänftigen, der mit seinen Verharmlosungen die eigenen Reihen schließen und von ihnen wiedergewählt werden möchte. Branko Milanovic, prominenter amerikanischer Wirtschaftsautor, hat gegengerechnet: Selbst wenn nicht wie offiziell ein Prozent der Amerikaner infiziert wären, sondern zehn Prozent, wäre es bis zur Durchseuchung, die vor der weiteren Ausbreitung des Virus schützt, mit mehr als einer Million toter Amerikaner zu rechnen. Selbst Mississippis republikanischer Gouverneur Tate Reeves ist angewidert: „Wir müssten unsere schlimmsten Neuinfektionsraten noch verdreifachen, und das ein ganzes Jahr lang jeden Tag, um Herdenimmunität zu erreichen. Das ist nicht mal ansatzweise ein realistisches Szenario.“

          Das Gefühl der Sicherheit erodiert rasant. Auch die Industrie, die Trump und nicht nur ihn als Verbündeten hofiert, hat noch nicht viel mehr als das Versprechen zu bieten, dass am Ende der Impfstoff die Sache beendet. Doch selbst darauf wollen oder können viele nicht mehr bauen. Die Hälfte der Amerikaner würde sich nach Umfragen heute schon nicht impfen lassen – auch das ein Resultat der destruktiven Pandemie-Politik. Und der Rest muss sich, nachdem tagelang schon Studien mit schwindenden Antikörpern nach überstandener Krankheit die Runde gemacht haben, unangenehme Was-wäre-wenn-Gedanken machen. Was wäre, wenn die versprochene Immunität ausbleibt?

          Über die Effektivität der Impfstoffe lässt sich jetzt zwar noch nichts sagen, es kann genauso gutgehen, wie es scheitern kann. Aber das ist natürlich alles andere als ein Ruhekissen. Die Pharmafirmen, die inzwischen mit mehr als 160 Projekten am Start sind, haben nicht nur ihre Wettbewerber im Nacken, die Herdenimmunitäts-Phantasien gefährden inzwischen auch die Nachfrageseite. Beschleunigung ist die Antwort: „Challenge-Versuche“ starten, bei denen Freiwillige absichtlich mit dem Virus infiziert werden, um den Impfstoff zu testen. Sollte das gesundheitspolitische Chaos dieser Tage so ansteckend sein wie das Virus selbst, darf sich keiner mehr irgendwo auf dem Planeten sicher fühlen.

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