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Impfzentren : Die wahren Helden des Alltags

Wo einst Maschinen abhoben: Impfzentrum im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof Bild: dpa

Wir haben viel über das „Impfdebakel“ geschimpft. Doch zahllose Frauen und Männer wachsen in den Impfzentren über sich hinaus. Ein Protokoll.

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          Der Mann hat kaum die Sechzig überschritten, da erhält er von der Berliner Senatsverwaltung überraschend die Mitteilung, er habe Anspruch auf eine „Schutzimpfung mit hoher Priorität“. Zwar kann er sich seinen besonderen Status nicht erklären, und § 3 der Coronavirus-Impfverordnung zu studieren hat er keine Lust. Stattdessen macht er für Ostermontag einen Termin im Impfzentrum Berlin-Tempelhof aus. Jetzt, sagt er sich, wird er den Versagerstaat in Aktion erleben. Der Mann läuft über das alte Flugfeld, das immer größer wird, je länger er läuft: Er hat übersehen, dass es auf der anderen Seite des Zauns einen Shuttlebus gibt, der die wanderfaulen Senioren mitnimmt. Wachleute, dick vermummt gegen den beißenden Wind, zeigen der Herde den Weg zum Hangar 4, ein Ungetüm von Gebäude am Ende eines langen Parcours.

          Ein Heer von Freiwilligen empfängt uns, weist uns ein, lächelt uns zu, wenn die Augenwinkel über der Gesichtsmaske nicht täuschen, wir lassen uns auf Stühle setzen, folgen dem Mann mit der orangefarbenen Weste, geben unsere Daten ab und unterschreiben zwei Formulare. Der Ton ist höflich bis fürsorglich. Unten lächeln alle gegen die Masken an, weiter oben pustet die Zugluft Aerosole weg. Hier ein Mann mit indischen Wurzeln, dort welche mit türkischen, syrischen und einigen mehr – alles Freiwillige, wie es heißt, die ihr Wochenende opfern, damit die Älteren in der Pandemie mit dem Leben davonkommen.

          Ein junger Assistent, der sich als Simón vorstellt, hat uns in die Kabine geführt und macht jetzt Smalltalk. Woher seine Eltern kämen, fragen wir, und Simón antwortet mit der entwaffnenden Intimität, die typisch für Lateinamerikaner ist, seine Mamá stamme aus Bolivien, sein Papá aus Iran, er selbst wolle mal in Spanien arbeiten, vielleicht auch gleich auf dem anderen Kontinent. Simón spricht drei Sprachen, er wird es schon schaffen.

          Dann verabreicht die Ärztin uns das, was im Babysprech neuerdings der „Pieks“ genannt wird, und auf unsere Frage, ob es im Impfzentrum Berlin-Tegel am Osterwochenende nicht ziemlich leer gewesen sei, sagt sie: „O nein, davon kann keine Rede sein, ich habe 3600 Impfungen hinter mir.“ Aber wie soll das zeitlich gehen? Sie meint wohl ihr Team. Impfdebakel? Ganz sicher ist manches schiefgelaufen. Doch die unzähligen Menschen, die im Impfzentrum so geduldig Dienst an anderen tun, haben nichts als Dank verdient. Sie sind nicht das rebellische oder maulende, sie sind das freundliche Deutschland.

          Paul Ingendaay
          (P.I.), Feuilleton

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