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Ausstellungen in Impfzentren : Invasive Kunst

  • -Aktualisiert am

Coronalähmung ist grausam, Blickimpfung ist süß: Im Impfzentrum der niederbayerischen Straubing sind in der Messehalle rund achtzig Gemälde, Objekte und Installationen von zweiundvierzig Künstlern zu sehen. Bild: dpa

Die Impfzentren von Straubing und Bottrop sind jetzt auch Ausstellungshallen. Mehrere Städte wollen folgen. Ob Kunst auch Impfunentschlossene anlocken kann?

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          Wenn die Straubinger sich von heute an in ihrer zum Impfzentrum umgebauten Messehalle immunisieren lassen, besuchen sie zugleich eine Kunstausstellung: Nicht weniger als 42 Mitglieder der Gemeinschaft Bildender Künstler aus Stadt und Landkreis stellen dort aus, über achtzig Gemälde, Skulpturen, Objekte und Installationen sind während der oft längeren Wartezeiten zu betrachten. In die große Messehalle eingestellt sind fünf Arzt- und zehn Impfcontainer sowie drei große Beratungsräume, alles ebenfalls angefüllt mit Kunst. Teils hängen die Bilder auf einem edlen, lichtgrauen Tuch, wie es auch bei der ersten Documenta 1955 in Kassel der Fall war, bei der die Bilder auf Leinenstoff gehängt wurden. Überhaupt erinnern sich viele Altvordere noch mit Kopfschütteln oder Schmunzeln, wo einst in der Raumnot der kriegszerstörten Städte und damit meist auch desolaten Museen und Galerien überall Kunst aufgehängt wurde.

          Auch in Bottrop zeigt das Impfzentrum eine Ausstellung, die ursprünglich für das dortige Kulturzentrum B 12 geplant war. Inmitten des zweckentfremdeten Indoor-Golfcenters hat der Bildhauer Gereon Krebber auf einer Fläche von gut zehn Metern im Quadrat verschiedene Skulpturen aus den letzten zwanzig Schaffensjahren drapiert. Dem Professor an der Düsseldorfer Akademie fällt es mitnichten schwer, die Wahl des Nicht-Orts Impfzentrum zu rechtfertigen, indem er seine Kunst als ohnehin „invasiv“ bezeichnet und indirekt mit dem Virus vergleicht.

          Kein Vergleich zur Zahnarztpraxenkunst

          Straubing und Bottrop sind nur zwei frühe Beispiele. Mehrere Städte wollen folgen. Im Gegensatz zur Zahnarztpraxenkunst, die oft beruhigende Meeresbilder in Tiefblau mit tiefer gelegten Horizonten als visuelles Anästhetikum nutzt, sind in Straubing auch stark farbige und „naive“ Gemälde ausgestellt. Der Bildhauer Krebber, der lange in Großbritannien lebte und arbeitete, ist ohnedies für seine ausgefallenen, oft aus Bauschaum bestehenden, immer aber schwarzhumorigen Skulpturen bekannt. Und wurde Arztpraxenkunst früher oft von oben herab belächelt, besteht in diesem Fall kein Grund zur Häme – wie in jeder normalen Gruppenausstellung auch finden sich neben Spreu auch goldene Weizenkörner, die die Impfung versüßen. Bis im März und April die Hauptimpfschübe erfolgen, könnte das Modell Schule gemacht haben und die Künstler dadurch landesweit die dringend gesuchten Ausstellungsmöglichkeiten erhalten. Denn was nicht zu sehen ist, kann nicht gekauft werden. Im Netz erwirbt jedenfalls derzeit kaum ein Sammler auf digitalen Verdacht hin Bilder.

          Und wer weiß: Nachdem nach wie vor alle Museen geschlossen sind und die Sehnsucht nach einem Besuch der Originale bei vielen riesengroß ist, lockt es ja vielleicht sogar manch einen Impfunentschlossenen in die Zentren. Hauptsache, mal wieder „echte“ Kunst sehen. „Impfzentren zu Ausstellungshallen!“, heißt mithin die Devise, und dagegen spricht nichts. Die Impfbereitschaft wird zur Eintrittskarte in ein Museum auf Zeit, in einer verrückten Zeit.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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