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Corona-Herbst : Party trotz Corona?

  • -Aktualisiert am

Kann denn Feiern Sünde sein? Bild: dpa

Wer meint, ohne Impfung durch den Corona-Herbst zu kommen, versäumt nicht nur sein Leben, sondern gibt sich auch einer gefährlichen Täuschung hin.

          2 Min.

          Eine ungeimpfte Bekannte infiziert sich vermutlich während einer Bahnfahrt mit dem Corona-Virus, steckt beim sonntäglichen Brunch unter freiem Himmel eine zweifach geimpfte Freundin an, die wiederum das Virus an den ebenfalls geimpften Nachbarn weitergibt. Es braucht keine 2G-Party wie in Münster, jenes Superspreader-Event mit Körperkontakt, bei dem sich kürzlich zahlreiche Feiernde angesteckt haben, ohne allerdings schwere Symptome zu entwickeln.

          Doch welche Lehre sollte man mit Blick auf den Herbst, vor dem prominente und weniger prominente Virologen warnen, daraus ziehen? Dass man jedes „unnötige“ Beisammensein mit anderen Menschen vermeidet? Dass man um voll besetzte Restaurants einen Bogen macht, weil am Nebentisch eine infizierte Person hüsteln könnte? Sollte man aus Angst, in einer Viren-Wolke zu stehen, selbst als Zweifachgeimpfter in keinen Zug, keine S-Bahn und kein Flugzeug mehr steigen? Partys absagen? Täte man dies in der naiven Hoffnung, irgendwann (in ein paar Jahren vielleicht?) werde das Corona-Virus schon wieder verschwinden, würde man nicht nur freiwillig auf unerwartete, womöglich inspirierende Begegnungen verzichten und weitere Monate ein Dasein im Hab-Acht-Modus führen, man erläge zudem der sogenannten Kontrollillusion.

          Schon vor mehr als vierzig Jahren beschrieb Ellen Langer, Harvard-Professorin für Psychologie, das Phänomen, dass Menschen zu dem Glauben tendieren, etwas objektiv Unkontrollierbares kontrollieren zu können. Das bekannteste Beispiel stammt aus dem Straßenverkehr: Wartet man als vorbildlicher Fußgänger an einer roten Ampel und drückt den Ampel-Knopf, glaubt man, die Ampelfarbe springe rascher auf Grün, obwohl viele dieser Knöpfe längst nicht mehr funktionieren. Studien zeigen, dass Fußgänger seltener eine Straße bei Rot überqueren, wenn sie einen Knopf betätigen können.

          Wer beim Würfelspiel auf eine Eins hofft, lässt die Würfel sachte aus seiner Hand gleiten, während es bei einer benötigten Sechs gar nicht schwungvoll genug zugehen kann. Gut möglich jedenfalls, dass zahlreiche Ungeimpfte, weil sie sich weder mit dem Wildtyp von Sars-CoV-2 noch mit der Beta-Variante infiziert haben, glauben, durch ständiges Maskentragen, Händedesinfizieren und Abstand wahren auch die Delta-Variante locker in Schach halten zu können. Deutschlands Virologe Nummer Eins Christian Drosten sagte unlängst in seinem NDR-Podcast: “Mein Ziel als Virologe Drosten, wie ich jetzt gerne immun werden will, ist: Ich will eine Impfimmunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber durchaus irgendwann meine erste allgemeine Infektion und die zweite und die dritte haben.“

          Die lebensmüden Kontrollillusionisten sind, auch wenn das manche Berichterstattung suggeriert, nicht jene Durchgeimpften oder Genesenen, die in Münster oder sonstwo ihr Leben jahreszeitenunabhängig genießen, sondern die, die überzeugt sind, auch ohne Impfung den Herbst zu überstehen.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

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