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Cornelius Gurlitt : Ein herrenloser Herr

Wie die Presse im Fall Gurlitt die Bundesregierung blamiert: Der alte Herr wird von Medienleuten fotografiert und eskortiert, ist also keineswegs wie vom Erdboden verschluckt. Der Kulturstaatsminister aber hat keinen Kontakt zu ihm.

          Wo er sich aufhalte, wisse er nicht, hatte der leitende Staatsanwalt in Augsburg bei der Pressekonferenz am 5. November über Cornelius Gurlitt, den Besitzer des Schwabinger Kunstschatzes, gesagt, und das sei, so sinngemäß, jetzt auch nicht weiter wichtig. Damit war die Jagd auf den 79 Jahre alten Herrn, der das belastete Erbe seines Vaters versteckt hielt, eröffnet. Reporter und Paparazzi hefteten sich an seine Fersen und hatten ihn nach wenigen Tagen aufgespürt.

          Was war seitdem nicht alles über ihn zu erfahren, der angeblich in einer verwahrlosten Wohnung haust, wo, wie immer das zusammengeht, die vielen Kunstwerke sachgerecht gelagert seien. „Paris Match“ brachte das erste Foto, das ihn beim Einkaufen in einem Supermarkt stellt und einen kleinen, elegant gekleideten Herrn mit blauen Augen und schlohweißem Haar zeigt. Nein, er war nicht vom Erdboden verschwunden oder auf die Bahamas ausgebüxt, ja, er war sogar ansprechbar, wenn auch nicht gerade redselig und von dem massiven Medieninteresse sichtlich verstört.

          Auch Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, wurden unternommen, nur einer machte erklärtermaßen keine Anstalten - die Bundesregierung. Statt vertraulich Kontakt mit Gurlitt aufzunehmen, was der gerade mit Lobeshymnen verabschiedete Kulturstaatsminister, der gleich nach Auffinden des Konvoluts am 28. Februar 2012 informiert worden war, mehr als anderthalb Jahre versäumt hat, blieb die hochsensible Angelegenheit den bayerischen Behörden überlassen.

          Zuletzt wurde beobachtet, wie Gurlitt, so berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ am Mittwoch, vor seiner Schwabinger Wohnung in ein Taxi stieg und angab, „auf dem Weg nach Würzburg, zum Arzt“, zu sein, doch später wurde er, schrieb die „New York Times“, am Flughafen gesehen. Wo er, erzählen Münchner Journalisten, von einer „Spiegel“-Redakteurin - anderen Angaben zufolge waren es „mindestens vier“, und auch ein Kollege der „New York Times“ soll dabei gewesen sein - eskortiert wurde.

          So werden wir am kommenden Montag Cornelius Gurlitt, der bisher ein so scheues, einsames Leben führte, vom Titelblatt des Nachrichtenmagazins blicken sehen und dort von ihm erfahren, wie es mit seinem Kunstschatz weitergeht. Die ganze Welt wird staunen - auch darüber, dass dann passiert sein wird, was nicht hätte passieren dürfen: Denn der Coup des „Spiegel“ wird zugleich eine Blamage für die Bundesregierung sein. Weil die es immer noch nicht geschafft hat, Herr des Verfahrens zu werden.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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