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Quarantäne-Degeneration : Contra Couch

Heute schon bewegt: Dieser Schüler der Zhoupu Kampfkunstschule im chinesischen Huai’an ist Ihnen vermutlich weit voraus. Bild: Reuters

Schädlicher Nebeneffekt des Shutdowns ist der Glaube, man könne sich kulturkonsumierend gehen lassen. Ein Fehler! Warum Sie jetzt fit sein müssen und was der Meister vom Schneemuldenberg dazu sagt.

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          Fast geschafft. Die Quarantäne wird gelockert. Zumindest ein wenig. Und Sie? Erinnern Sie sich noch, wie Ihnen in den vergangenen Wochen alle gesagt haben, was Sie gucken, lesen, hören und tun sollen? Und andere, dass Sie nicht immer darauf hören sollen? Jeder ist ja Experte. Schlimmer als im Fußballfernsehen. Wenn es wenigstens das gäbe.

          Diese ganze Empfehlungsorgie (und die Zeit, die Sie brauchen, den ganzen Krempel zu lesen) hat Sie bestimmt schon zu einer Couchpfütze degeneriert, deren Restenergie nur noch für den CO2-Ausstoß reicht. Merken Sie nicht? Sie wurden abgerüstet. In der Zeit, in der Sie vor der Mattscheibe kleben oder endlich die „Niederschrift von der Smaragdenen Felswand“ (31. Beispiel: „Ma-yü umkreist den Zen-Sitz mit dem Klingstab“) lesen, hat Ihr Nachbar die Regale leer gekauft. Und Sie stehen immer noch da ohne ausreichend Küchenpapierrollen, Dinkelpasta und Atemschutzmasken.

          Wachen Sie endlich auf! Sie müssen agil und kräftig sein, auch für die Zeit der Nach-Quarantäne. Sie müssen ein Yak im vollen Galopp aus der Bahn werfen können, wenn es sich mit Ihrer letzten Packung Durchschlaf-Tee aus dem Staub machen will. Hoch vom Sofa, weiterlesen im Laufschritt, Knie hochziehen, danach Hacken an den Po – bis Sie zu Ende gelesen haben. Vergessen Sie Eigengewichtübungen, Sie hören ja eh nach zwei Tagen auf. Online-Yoga? Da können Sie auch gleich versuchen, Ihr Fett wegzumeditieren. Versuchen Sie stattdessen, ihren sonnengrüßenden Schweinehund mit Hilfe ihrer Gewohnheiten auszutricksen. Joggen Sie jeden Meter im Haus. Geduscht wird kalt und in der Hocke. Ansonsten putzen Sie. Jeden Tag. Wischen, polieren, wischen, polieren. Davor Saugen und Bohnern samt Schränkerücken.

          Binden Sie sich Ihren Partner auf den Rücken, und versuchen Sie, voneinander unabhängigen Tätigkeiten nachzugehen. Frieren Sie entscheidende Gegenstände wie Portemonnaies, Schlüssel, W-Lan-Router, Smartphones oder den Partner ein, um sie hernach mit einem Teelöffel aus dem Eis zu befreien. Verstecken Sie wenige Minuten vor den Hauptnachrichten die Fernbedienung. Veranstalten Sie eine Schnitzeljagd zur neuen Pin Ihres Streamingportals. Bauen Sie Fallen auf (freischwingende Gesamtausgaben von Georg Simmel in 24 Bänden und so). Homeoffice? Arbeiten Sie im Stehen und halten den Laptop auf dem ausgestreckten Arm vor sich, solange es geht – hepp und wechseln. Bringen Sie sich bei, Ihren Computer auseinanderzubauen und wieder zusammenzusetzen – mit verbundenen Augen von der Decke hängend.

          Zuletzt testen Sie Ihre Fitness: Nehmen Sie dem freundlichen Lieferjungen das Essen ab, schubsen Sie sein Fahrrad um, und dann laufen Sie. Geschafft? Nein? Dann sind Sie zu weich. Trainieren Sie härter. Denken Sie an den Nachbarn. Bleiben Sie wachsam. So schrieb schon der alte Meister vom Schneemuldenberg: „Setzt man das Bewusstsein in Bewegung, so erscheinen Formen. Nimmt man sie wahr, so bildet sich Eis. Hütet man sich aber etwa vor Bewegung und vor Wahrnehmung, entgeht man doch nicht der Gefahr, ins Fuchsloch zu geraten.“ Wollen wir das?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

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