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Computerwissenschaftler David Gelernter : Ja, ich bin Maler geworden

  • -Aktualisiert am

Auf dem Bild „Answer Us” kombiniert David Gelernter das hebräische Wort für „heilig” mit einem Schmetterling Bild: David Ottenstein

Er ist der Meister der Softwareentwicklung, dennoch ist die Malerei seine erste Sprache. Computerwissenschaftler David Gelernter führt in seinen außergewöhnlichen Werken Kunst und Religion zusammen - ein Mann, der in Bildern denkt.

          7 Min.

          Erst kam die Malerei, dann der Computer. In seinen eigenen Worten hört es sich noch dramatischer an: „Ich habe gemalt, bevor ich schreiben konnte. Die Malerei ist meine erste Sprache. Sie ist mir zweite Natur. Ich habe immer in Bildern und Farben gedacht.“

          Das sagt David Gelernter, einer der berühmtesten Computerwissenschaftler unserer Zeit, ein Mann der Technik. Aber meine Frage, ob er einmal vorhatte, Maler zu werden, korrigiert er ganz unaufgeregt mit der Antwort: „Ja, ich bin Maler geworden.“ Und darum stehen wir jetzt auch in keinem Labor und keinem Hörsaal, sondern in einer hellen, luftigen Galerie, umgeben von seinen Gemälden. Diese Galerie befindet sich in einem Gebäude der Yale University, wo Gelernter lehrt. Seine Galerie verfolgt keinerlei kommerzielle Ziele. Denn Gelernters Kunst geht nicht nach Brot. Dafür sind die Computer da.

          Kunst ohne Handelsdruck

          Als junger Mann entschied er sich in den siebziger Jahren für die Computerwissenschaft, weil er glaubte, sie biete ihm das technologisch ernsteste, praktisch nützlichste Berufsfeld und sei zugleich das genaue Gegenteil der Kunst, die sein Leben bislang bestimmte. „Die Reinheit der Kunst“, sagt er, „schien es zu gebieten.“ Sie hätte es ihm nicht erlaubt, angesichts der Erkenntnis, mit seinen Bildern nie den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können, beispielsweise die Laufbahn eines Kunsthistorikers einzuschlagen. Gelernter wäre dann immer noch Teil der kommerziellen Welt gewesen und hätte Kunst zu Kommerzware degradiert. „Kunst aber muss allein stehen, ohne jeden Handelsdruck.“

          Er ist nicht nur der brillanteste Computerwissenschaftler der Gegenwart, sondern auch ein leidenschaftlicher Maler
          Er ist nicht nur der brillanteste Computerwissenschaftler der Gegenwart, sondern auch ein leidenschaftlicher Maler : Bild: ASSOCIATED PRESS

          So teilte er sein Leben auf: hier die Kunst, dort der Gelderwerb. Dabei kam eine dritte Kraft ins Spiel, die Religion. Nach seinem Studium in Yale besuchte Gelernter in New York die Arts Students League und eine Yeshiva obendrein. Kunst und Judaismus gehörten für ihn bald zusammen. Um aber als Künstler und Denker frei sein und doch, in Erfüllung seiner religiösen Pflicht, etwas Nützliches tun und eine Familie ernähren zu können, stürzte er sich in die Computerwissenschaft. „Aber es war keine Entscheidung aus Leidenschaft“, betont er. „Es war eine praktische Entscheidung.“

          Die Kunst nach dem Talmud

          Was Gelernter nicht wusste: „Ein erfolgreicher Technologe muss die gleichen ästhetischen Fähigkeiten besitzen wie ein erfolgreicher Künstler. Das war für mich eine interessante Überraschung.“ Heute weiß er längst, dass Kunst und Computer mehr verbindet als unterscheidet. „Ich bin wirklich nur in der Lage, eine einzige Sache zu tun, und ich tue das immer auf dieselbe Weise. Ich denke in Bildern und über Bilder nach. Auch wenn es um Computer und Software geht.“ Darum ist es sinnlos, Gelernter zu fragen, ob sich seine Malerei in seiner technologischen Arbeit spiegelt oder umkehrt. Er sieht nur ein weites, verheißungsvolles, einheitliches Feld.

          Gelernter strebt danach, ohne Rücksicht auf konkrete Ingenieurprobleme Software auf einem Niveau zu entwickeln, das ästhetischen Maßstäben standhält. Er will sie menschlich, geistig formen. Aber auch einen Imperativ des Talmuds hat er dabei im Sinn. Er zitiert aus dem Kopf: „Die Tora zu studieren in praktischer Beschäftigung mit der Welt ist voller Schönheit.“ Er denkt also an Schönheit, wenn er Software entwickelt? Wie einen Blitz lässt er die Antwort einschlagen: „Yes!“

          Schönheit führt zur Wahrheit

          Alle ernsthaften Ingenieure, Physiker, Mathematiker, so versichert er, ließen sich von Schönheit leiten. „Schönheit bestimmt ihr Tun, sie ist der überwältigende Impuls ihres Lebens.“ Ergibt sich aus ihr automatisch dann das Nützliche? Wieder holt Gelernter weit aus: „So wie das Universum funktioniert, führt Schönheit zur Wahrheit, aber nicht unbedingt zur utilitaristischen. Doch dem Mathematiker, der an einem Beweis arbeitet, dem Physiker, der nach einer Welttheorie sucht, dem Softwaredesigner, der aus komplizierter Software eine einfache und elegante Version herstellen will, weist Schönheit den richtigen Weg.“

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