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Computerspiele : Zuhälter brauchen auch nur Mathe

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Und ewig lockt die Gewalt: Ein Besucher der Gamescon versucht sich am Actionspiel „Uncharted 2” Bild: ddp

Ist die Warnung vor der Verrohung wirklich nur ein Klischee? In Köln lädt die Computerspielbranche zu einem Kongress über den Jugendschutz ein. Diskutiert wird über neue Technik-Trends, Datenschutz und die Zulassungsbeschränkungen von Killerspielen.

          Zunächst ist da ein Dröhnen, das vom Himmel zu fallen scheint und nicht nachlässt, nicht variiert: So klingt nicht der Untergang, so klingt das Werden einer Welt. Es ist ein erhabenes Gefühl, wenn man die langen Hochglanzflure der Kölnmesse durchquert hat und sich der abgedunkelten Halle 6 nähert, in der die Luft vibriert. So stand Dante vor dem Inferno, Kant vor dem Gebirge, Caspar David Friedrich vor dem Ozean, etwas nicht Einzuordnendes übermannt die Sinne.

          Tausende von Lautsprechern produzieren dieses Magma. Gleich am Eingang simuliert Microsofts Stand für die Xbox 360, wo vor allem Rennspiele vorgeführt werden, saftigen Motorenlärm. Gleich daneben ein „Call of Duty“ mit gehörigem Nachdruck: Es geht um die von Oktober an zu kaufende Version „Modern Warfare 2“ von Activision, ein Spezialeinsatz mit krachender Kampfhandlung und beeindruckender Grafik. Das ganze hintere Ende der Hallenhölle hat Electronic Arts reserviert und lässt mit dem höchst realistischen Rennspiel „Need for Speed Nitro“ ebenfalls die Motoren aufheulen, wogegen der Publikumsjubel von „Fifa 10“ anbrandet. Ohrenbetäubenden Sound steuern zudem die vielen neuen Musikspiele bei, etwa „The Beatles Rock Band“ (E.A.), wo ein jeder „Help“ schreien darf und offenbar auch will.

          420 Aussteller auf 120 000 Quadratmeter

          Noch drei weitere, nur unwesentlich kleinere Hallen zählen zum Entertainment-Bereich der Gamescom, ergänzt durch den ruhigeren Business-Bereich: Insgesamt 120 000 Quadratmeter teilen sich die mehr als 420 Aussteller aus dreißig Ländern. Die Leipziger Messe war der Branche zu klein geworden für ihren Treff, hatte sie mit zweihunderttausend Besuchern doch schon ihr Maximum erreicht: Köln ist für die doppelte Besucherzahl ausgelegt.

          Die Technik rast dahin: Besucher begeben sich auf virtuelle Skateboardtour

          Zwei große Trends lassen sich ausmachen: die Internetanbindung der Spiele, was ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten eröffnet – Abonnements, Shops für Zusatzfeatures, auf den Nutzer eingestellte Werbung –, sowie das Buhlen um Gelegenheitsspieler. Zum Erschließen neuer Nutzergruppen dienen die vielen Sport-, Musik- und Superstar-Titel, die oft auf ausgefallene Controller setzen, etwa in Form von Instrumenten oder Skateboards. Eifrig bemühen sich zudem die Konsolenhersteller Sony (Playstation) und Microsoft (Xbox), eine Bewegungssteuerung für ihre fernsehgebundenen Geräte zu kreieren, die es mit derjenigen von Nintendo (Wii) aufnehmen kann. Letztere ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass „Wii Sports“, „Wii Play“ und Wii Fit“ zu den meistverkauften Spielen überhaupt gehören. Hier geht es nicht unbedingt um ausgefeilte, schon gar nicht um realistische Grafik: Mit Armen und Beinen steuert der Spieler knautschige Comicfiguren durch bunte Kinderpixelwelten, was viel Geschicklichkeit erfordert.

          Game Over für Killerspiele?

          Am ersten Besuchertag fand nun der mit mehreren hundert Teilnehmern bestens besuchte „Gamescom Congress“ statt, auf den die Organisatoren zu Recht stolz sind. In selten konstruktiver Weise tauschte man sich über gesellschaftliche Auswirkungen von Computerspielen aus. Die Flugzettel mit der Aufschrift „Game Over für Spiele-Killer“ verteilenden Vertreter der Piraten-Partei werden sich darüber gewundert haben, dass der nordrhein-westfälische Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, Andreas Krautscheid, kaum anders argumentierte: Der „blinde Beißreflex“ mancher Politiker, die nichts wüssten von den „Wirkabläufen der Spiele“, führe zu solch tendenziösen Begriffen wie „Killerspiele“.

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