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Computerjahr 2010 : Die Zukunft, die nicht geschehen ist

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Technischer Chefredakteur der Studie war Theo Lutz, ein Schüler des Kybernetikers Max Bense (dessen hundertster Geburtstag im Februar 2010 mit einem großen Kongress über „Weltprogrammierung“ gefeiert wird). Lutz hatte schon in den fünfziger Jahren Computerpoesie auf einem Zuse-Rechner programmiert. Aus seinem Namen entstand das schöne Verb „lutzen“ als Ausdruck für die Tätigkeit von Computern „stochastische poetische Texte“ aus Prosa zu generieren. So wurde Kafkas Schloss mit einem Computer zu einem Gedicht gelutzt, die entsprechenden Programme findet man heute noch im Netz.

Lutz versuchte also, mit „Zehn mal 2010“ die IBM-Version vom Computing im Jahre 2010 zu erklären. Wichtige Hilfsmittel waren für ihn das Moore'sche Gesetz von der ständig wachsenden Prozessorleistung und Einsichten in die Forschung von IBM, etwa im Bereich der Glasfasertechnik. Aus der Arbeit an SNA/OSI-Netzstrukturen schlussfolgerte er für These zwei, dass „electronic mail“ weitgehend das Telefon ersetzen wird: „Die Jahre bis zum Jahre 2010 werden vor allem in unseren Büros bestimmt sein durch eine Befreiung des Menschen von einem erheblichen Teil an ,informeller Kommunikation', die zügiger und produktiver über geeignete Medien formell abgewickelt werden kann.“ Diese Vorhersage ist eingetroffen, auch wenn sich die von IBM protegierten SNA-Technologien nicht durchgesetzt haben. Ähnlich ist es um These drei vom personalisierten, gemischten Arbeitsplatz mit persönlicher Datenverarbeitung bestellt. Er ist heute der Standard, auch wenn IBM längst die Produktion von Desktoprechnern eingestellt hat.

Die gewagte Angst-These

Die anschließende These, dass der Mikroprozessor als Bauteil in seiner Bedeutung den Motor abgelöst haben und dass er in allen Bereichen des Lebens eine Rolle spielen wird, gehörte schon vor 1987 zu einer verbreiteten Annahme. Auch der Optimismus von These fünf, dass der Mensch mit dem Computer „umgangssprachlich“ in Schrift und Stimme kommuniziert, dass der Computer (nächste These) menschliche Behinderungen ausgleichen hilft, waren 1987 nicht ungewöhnlich. 1982 hatte IBM das erste kommerzielle Spracherkennungssystem in Betrieb, das später als „ViaVoice“ im eigenen, bereits erwähnten Betriebssytem OS/2 integriert wurde. Aber erst 1992 konnte die Firma ein Experimentalsystem vorstellen, bei dem der Computer komplett mit Gesten gesteuert wurde. ViaVoice wurde verkauft und arbeitet heute in Mobiltelefonen.

These acht zur „perfekten Kommunikation in der 24-Stunden-Gesellschaft“ nach einer These über Telearbeit im trauten Heim verabschiedete unter anderem die Tageszeitung, die man zu Hause liest: „Bis zum Jahre 2010 werden die sogenannten 'Neuen Medien' in der Gesellschaft, und damit auch im privaten Bereich, so akzeptiert und verbreitet sein, dass sich das Individuum im Austausch von Daten, Texten, Bildern und Stimme mit höchster technischer Qualität unabhängig von Raum und Zeit bewegen kann.“ Raum und ortsgebundene Medien, die wie ein Bündel Papier in den Briefkasten eines Lesers transportiert werden müssen, sind obsolet. Perfekte Kommunikation? Diesen Artikel gibt es auch im Internet, mit ein paar Links zum Weiterklicken.

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