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Commodore 64 : Nahrhafter Brotkasten

  • -Aktualisiert am

Der C64: Die Antwort auf Atari und Tandy Bild: dapd

Der Commodore 64 feiert seinen 30. Geburtstag. Wie aus einem eilig zusammengezimmerten Gerät eine Computerlegende wurde.

          Vor dreißig Jahren, genau am 7.Januar 1982, stellte Commodore in Las Vegas den C64 vor, den Consumer-Computer mit 64 KB Arbeitsspeicher. Das eilig zusammengezimmerte Gerät wurde ein großer Erfolg und legendär. Man denke an den Wahlaufruf der Grünen zur Bundestagswahl 2009: „Liebe Netizens, liebe Generation C64, liebe digital Natives“ oder an die SPD-Lobby „D-64“.

          Zunächst einmal aber war der C64 ein Rückschritt: Im Herbst 1981 befahl Commodore-Boss Jack Tramiel den Bau eines einfachen Computers, als er von Plänen der Konkurrenten Atari und Tandy erfuhr, Homecomputer in großen Stückzahlen auf den Markt zu werfen. „Computers for the masses, not classes“, dieses gegen die arroganten Youngsters von Apple gerichtete Motto von Tramiel war in Gefahr. Homecomputer waren einfache Rechner zum Anschluss an das Fernsehgerät, die in Konkurrenz zu Spielkonsolen mit einer Programmiersprache im ROM bestückt waren und so die Entwicklung eigener Programme ermöglichten.

          Eigene Chipfabrik

          Über die Weihnachtsfeiertage 1981 bauten die Ingenieure von Commodore einen Prototyp zusammen. Dabei hatten sie den Vorteil, dass Commodore über eine eigene Chipfabrik verfügte, in der Spezialchips für Grafik und Sound entwickelt wurden. Diese waren nicht nur leistungsfähiger als die Standardmodule der Konkurrenz, sondern konnten auch billiger produziert werden. Als der C64 im September 1982 auf den Markt kam, wurde er für sagenhafte 595 Dollar verkauft. Mit 300000 Stück im ersten Jahr war er schon ein Bestseller; als im Juni 1983 der Preis auf 200 Dollar fiel, konnten 3,5 Millionen Stück verkauft werden. Insgesamt wurden mehr als zwanzig Millionen „Bullnoses“ oder „Brotkästen“ in elf Jahren verkauft.

          Der Erfolg hatte auch seine Schattenseiten: Commodore stoppte die Entwicklung weiterer Rechner. Die Ingenieure waren angehalten, die Platine des C64 immer weiter zu vereinfachen, um Kosten zu senken. Weiterentwicklungen auf C64-Basis wie der Executive X64 für Geschäftsleute oder der SX-100 als Portable erwiesen sich als Flops.

          Der erste Plagiats-Prozess in der IT

          Rund um den C64 entwickelte sich eine eigene Kultur, auf die die Generation C64 heute noch stolz ist. Zahllose Spiele kamen in den Handel; auf seinem Höhepunkt 1986 erreichte der Softwaremarkt für den C64 einen Umsatz von 85 Millionen Dollar im Jahr. In Deutschland entstanden Zeitschriften wie „64’er“, „Happy Computer“ und „Input 64“, der WDR-Computerclub strahlte während der Sendung ein Tonsignal mit Basic-Codes aus, das mit einem Kassettenrecorder aufgenommen werden musste. Anschließend wanderte die Kassette in die „Datasette“ des C64 und wurde als Programm eingelesen.

          Der C64 produzierte lange vor dem Streit zwischen Apple und Samsung den ersten Plagiats-Prozess in der IT, als Atari 1982 versuchte, über ein Verbot des Commodore-Joysticks den Verkauf des Homecomputers zu verhindern. Mit den relativ teuren Computerspielen entstand eine Grauzone, in der Spiele „getauscht“ wurden. Sie führte besonders in Deutschland zur ersten großen Diskussion um das Copyright von Software, als ein Anwalt systematisch Jugendliche verfolgte, die sich auf das „Cracken“ von C64-Programmen verlegt hatten. Auch die Diskussion um Gewalt und Indizierung von Computerspielen sowie um die Programmierung von „Naziware“ kann in Deutschland auf den C64er zurückgeführt werden: In „Commando Libya“ starben Soldaten zu realistisch, und der „KZ-Manager“ braucht keine weitere Beschreibung.

          Mit dem SID (Sound Interface Device) entwickelte Commodore einen der wichtigsten Chips der Computergeschichte. Er sorgte dafür, dass die Musikerszene mit dem Kasten experimentierte. Die Hamburger Firma Steinberg (heute Weltmarktführer) startete mit einem Programm, das den C64 als Steuerrechner für Synthesizer und Sampler nutzte. Schließlich darf die „Demo-Szene“ nicht vergessen werden. Hier ging es zunächst darum, in einführenden Sequenzen zu einem Computerspiel die technischen Grenzen des C64 (und anderer Computer) auszureizen. Die Sequenzen, die sich längst von den Computerspielen gelöst haben, gelten inzwischen als Kunstform. Nicht schlecht für einen Rechner, der als Schnellschuss begann.

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