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„Maus I“ : Holocaust und Hitler im Comic

Die Judenverfolgung als Katz- und Maus-Spiel? Sobald man Art Spiegelmans „Maus“ aufschlägt, erkennt man, dass der Kunstgriff, mit dem er die Geschichte zu verniedlichen scheint, sie in Wahrheit vor jeder Verharmlosung bewahrt. Ein Überblick über den Nationalsozialismus im Comic.

          6 Min.

          Die Idee erscheint blasphemisch. Werden nach Auschwitz auch längst wieder Gedichte geschrieben, so scheinen Comics über Auschwitz doch ein Ding der Unmöglichkeit. Darf man das Grauen, das jede Vorstellungskraft übersteigt, mit klaren Linien umreißen, in Bildern festhalten, diese Bilder gar in viereckige Kästchen zwängen? Niemand würde die Comics heute noch mit dem Jargon der fünfziger Jahre als Schundliteratur schmähen, doch hat alle Ideologiekritik den Befund nicht wegwischen können, dass die meisten in der Sprechblasenliteratur erzählten Geschichten trivial sind: Der Zeichenstift teilt die Welt fein säuberlich in Weiß und Schwarz, das Personal in Gut und Böse. Die Geschichte der Judenvernichtung, in der Weiß und Schwarz tatsächlich so rein geschieden sind wie niemals sonst in unserer Geschichte, muss, so scheint es, verharmlost werden, wenn man sie als Bildergeschichte erzählt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Art Spiegelman ist einer der bekanntesten Vertreter der Underground-Comics, kurz U-Comics, deren Zeichner in den sechziger Jahren die Revolte der Jugendkultur auf die Massenzeichenware Comic zu übertragen versuchten. Wo sich bisher das lustige Getier aus dem Hause Disney getummelt hatte, da brachen plötzlich die Hippies ein, die die Drogen mitbrachten und den Sex. Soziale Missstände rückten in ein grelles Scheinwerferlicht, und nirgendwo war mehr ein Superman, der sie mit einem Faustschlag hätte beseitigen können. Wie alle Revolteure reproduzierten auch die Zeichner der U-Comics die Muster, die zu beseitigen sie angetreten waren. Die Illusion der heilen Welt versuchten sie gerade dadurch zu entlarven, dass sie die Trivialisierung auf die Spitze trieben, jede Fiktion von Sinn in anarchistischer Albernheit ertränkten. Wie aber soll der vom Unheil erzählen, der kein Gegenbild des Heilen anerkennt, sondern der Unterscheidung von Heil und Unheil nur Gelächter entgegensetzt?

          Beklemmende Eindringlichkeit

          Auf den ersten Blick bestätigt Spiegelmans „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“, die Geschichte seines Vaters Wladek Spiegelman, das Misstrauen: Auf dem Titelbild sieht man zwei zusammengekauerte Mäuse im Trenchcoat, hinter denen bedrohlich ein Hakenkreuz leuchtet, worin Hitlers Gesicht als Katzenkopf erscheint. Die Judenverfolgung als Katz- und Maus-Spiel? Sobald man das Buch aufschlägt, erkennt man, dass der Kunstgriff, mit dem Spiegelman die Geschichte zu verniedlichen scheint, sie in Wahrheit vor jeder Verharmlosung bewahrt. Spiegelmans Mäuse gleichen auch nicht von ferne den Figuren Walt Disneys, deren Physiognomien genau dem Kindchenschema entsprechen und so an die fürsorglichen Instinkte des Lesers appellieren. Diese Mäuse, die Deutschen als Katzen, die Polen als Schweine und die Amerikaner als Hunde darstellt, legt er die Menschlichkeit frei, die sie verbindet. Ihm gelingt dies durch eine geniale Bilderfindung: Wenn er davon erzählt, wie Juden sich als Polen ausgaben, zeichnet er Mäuse, die eine Schweinemaske vor dem Gesicht tragen.

          Das Plädoyer, jeden Menschen als Menschen, also in seiner Eigenart anzuerkennen, lässt sich ästhetisch nur schwer eindrucksvoll umsetzen, gerade weil es ethisch unbedingt gültig ist. Beklemmende Eindringlichkeit gewinnt das Plädoyer aber in einem Bild, das Wladek und Anna Spiegelman zeigt, die 1944 auf der Flucht vor der Gestapo durch ihre Heimatstadt irren. Anna zieht einen langen Schwanz hinter sich her.

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