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Klassiker der Comic-Literatur : Spider-Man: Träumen Superhelden von normalen Mädchen?

Bild: Marvel

Der ganz normale Maskierte: Mit Spider-Man hat Stan Lee das Abbild unserer Suche nach dem richtigen Rollenmodell geschaffen - einen Superhelden, um den man sich sorgen muß.

          7 Min.

          Peter Parker ist der amerikanische Gregor Samsa, seine Verwandlung beginnt damit, daß ihn eine radioaktive Spinne beißt, und am nächsten Morgen, so erzählt es jedenfalls Sam Raimis schöne Verfilmung, findet er sich neben seinem Bett zu einem schrecklichen Ungeziefer mutiert.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Seine Finger fühlen sich klebrig an, aus seiner Haut wachsen Widerhaken, seine Hände können Netze spinnen. Und wäre Peter Parker eine europäische Figur, dann wäre ihm kein langes Leben beschieden gewesen. Er hätte sich eingesponnen in seinem Zimmer, sich versteckt vor den Menschen, und eines Tages hätten sein Onkel Ben und seine Tante May die abgemagerte Leiche des Spinnenmannes gefunden.

          Niemand mag Spinnen

          Es sah auch damals, 1962, als Spider-Man erfunden wurde, nicht nach einem langen Leben für den Spinnenmann aus. Stan Lee, der sich die Figur ausgedacht hatte, bekam von den Kollegen bei Marvel zu hören, daß absolut niemand Spinnen möge, und als Stan Lee erzählte, daß sein Held im wirklichen Leben ein normaler Junge sein sollte, ein Student mit Liebeskummer, Geldsorgen und dem Talent, immer zu spät zu kommen, da habe ihn sein Verleger angeherrscht: „Sag mal, Stan, weißt du überhaupt, was das ist, ein Superheld?“ Der Anfang der Geschichte, in welcher Peter Parker von der Spinne gebissen wird, sich in den Spinnenmann verwandelt und dann in ein Spinnenkostüm schlüpft, wurde trotzdem veröffentlicht, in einer Comic-Reihe, die „Amazing Fantasy“ hieß und nach dieser Nummer eingestellt werden sollte. Die Ausgabe verkaufte sich besser als alle vorherigen - der nächste Teil der Geschichte erschien in einer Reihe, die „The Amazing Spider-Man“ hieß.

          Bild: Marvel

          Ob Stan Lee jemals „Die Verwandlung“ gelesen hat, ist nicht bekannt - er hat als seine literarischen Helden immer Charles Dickens und Edgar Allen Poe, Mark Twain, die Bibel und Shakespeare genannt; und zu seinem Künstlernamen ist Lee deshalb gekommen, weil er, als er seine ersten Comic-Texte schrieb, seinen bürgerlichen Namen dafür nicht hergeben mochte. Als Stanley Martin Lieber - das war der echte Name - wollte er eines Tages noch den Großen Amerikanischen Roman schreiben.

          Auf Identität ist kein Verlaß

          Die Verwandlung des Stanley Martin Lieber, 1922 als Sohn rumänischer Einwanderer in New York geboren, in Stan Lee, den Großen Amerikanischen Comicautor, war nicht ganz so dramatisch, wie es die Verwandlungen Gregor Samsas und Peter Parkers waren - aber daß da einer, der noch nicht ganz erwachsen ist, sich am Ausgang seiner Jugend in jemanden verwandelt, der er niemals werden wollte; daß auf jene Identität, die einem von Herkunft und Familie zugewiesen wurde, kein Verlaß ist: Das sind Erfahrungen, welche Stan Lee an sein Geschöpf weitergegeben hat.

          Man muß wohl erwähnen, daß Sam Raimis Spielfilm „Spider-Man“ im Jahr 2002 ein wesentlich größeres Drama aus Peter Parkers Verwandlung machte. Im Film werden der Spinnenbiß und seine Folgen als Krise richtig ausgespielt; an deren Ende könnte auch die Gregor-Samsa-Werdung des Peter Parker stehen. In der ersten Folge von „Spider-Man“, dem Comic, sind es dreizehn Bilder, auf welchen Peter Parker seine Verwandlung bemerkt, sich seiner neuen Kräfte bewußt wird und ziemlich schnell beschließt, daraus das Beste zu machen. Nach drei, vier Folgen hatte Stan Lee den richtigen Ton gefunden, und erst dann wurde Spider-Man zu dem Superhelden, der ständig zweifelt am Sinn seiner Superheldenexistenz und immer mal wieder sein Kostüm in den Abfall wirft, weil er als Student und nicht als Spinne weiterleben will.

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