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Klassiker der Comic-Literatur : Prinz Eisenherz, das bin ich

Bild: Bulls

Harold R. Foster schuf mit seiner Abenteuerserie „Prinz Eisenherz“ einen Zeitungscomic, der seit Jahrzehnten Historiker wie Leser herausgefordert hat.

          Für den Historiker Herbert Illig wäre die Serie „Prinz Eisenherz“ ein gefundenes Fressen - könnte sie nur Anspruch darauf erheben, eine Geschichtsquelle zu sein. Denn Harold Foster hat zum zeitlichen Hintergrund seiner Erzählung just jene Epoche gewählt, deren Existenz Illig anzweifelt: die Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft. Anfangs hatte der Zeichner die Zeit der Kreuzzüge als historischen Hintergrund ausgewählt, doch dann stellte er fest, daß ihm die Ereignisse in diesem Zeitraum zuwenig Abwechslung gestattet hätten, und er verlegte den Handlungszeitpunk deshalb kurzerhand mehr als sechs Jahrhunderte nach vorne. „Mit dem Untergang der römischen Zivilisation hörte auch die schriftliche Überlieferung zunächst auf. Durch diesen Mangel hatte ich rund drei Jahrhunderte zur freien Verfügung.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Alles, was Illig der Geschichtsschreibung des Frühmittelalters vorwirft - Widersprüchlichkeit, Zeitsprünge, Unvereinbarkeit der Technik mit den Geschehnissen -, all das prägt Fosters Handungsfaden, doch kein normaler Leser wird sich bei ihm daran stören. „Prinz Eisenherz“ ist ein Epos, das in Ton und Fiktionalität den großen Vorbildern der Gattung nicht nachsteht. Bereits in der vierten Folge seiner Abenteuer trifft der noch jugendliche Held bei einem Fischzug durch die britischen Sümpfe auf eine überlebende Kreatur aus der Saurierzeit. Spannung geht hier allemal vor Plausibilität.

          Ein irrealer Zug

          Schon das Movens des Ganzen, der unbezähmbare Wunsch von Eisenherz, sich als Ritter an der Tafelrunde von König Artus zu bewähren, brachte einen irrealen Zug ins Geschehen, der aber gleichzeitig den frischen Stoff mit einem längst etablierten Thema verband, wodurch Foster auf eine Vielzahl altbekannter, populärer Charaktere zurückgreifen konnte, die den Vorzug besaßen, keinem Urheberschutz zu unterliegen. Eine bessere Ausgangslage konnte man sich für das Debüt einer Serie nicht wünschen, und ihr Erfolg vom Debütjahr 1937 an zeigte, daß dieses Rezept verfing. Die aberwitzige Kombination von Fabeln und Fakten, die den Ton der Fortsetzungsfolge von Beginn an bestimmt, macht zum erheblichen Teil immer noch deren Reiz aus. Was Gustav Schwab als Erzähler für die Antike, das ist Harold Foster fürs frühe Mittelalter.

          Sagen eines nicht ganz so klassischen Altertums werden hier erzählt, aber zugleich nutzte Foster das ihm zur Verfügung stehende Medium für eine Lektion in Zeichenkunst. Hier war sofort der Wille des Autors erkennbar, vor allem mittels Bildern zu erzählen; Texte stehen bei Foster immer am Rand, niemals werden sie in Sprechblasen gesetzt und somit Bestandteil der graphischen Komposition. In jener Kunst, die der belgische Zeichner Edgar P. Jacobs einige Jahre später als „Oper auf Papier“ bezeichnen sollte, dienen Fosters Texte ihm als eine Art Basso continuo, während alle Arien, Kolloraturen, Duette oder sonstigen Glanzstücke des Werks der Graphik überlassen bleiben.

          Zuflucht bei anderen Illustratoren

          Foster konnte sich das erlauben, denn er hatte ein Training als Zeichner hinter sich, das nichts zu wünschen übrigließ. Als junger Mann hatte er für die Hudson Bay Company deren Versandkataloge illustriert - mit dem Schwerpunkt auf weiblicher Unterwäsche, was für den jungen Zeichner weniger vergnüglich gewesen ist, als es sich anhören mag, denn er bekam zwar die jeweiligen Waren zur Anschauung, aber keine Unterstützung durch lebende Modelle. Das erwies sich jedoch alsdurchaus lehrreiche Erfahrung, denn Foster nahm in seiner Not Zuflucht bei anderen Illustratoren und brachte sich auf diese Weise selbst bei, was Kunststudenten gemeinhin im Aktkurs erlernen: die Darstellung der menschlichen Anatomie. Zugleich aber entwickelte er ein präzises Auge für das Detail, denn im Versandkatalog konnte man sich keine Abweichungen vom Original leisten. Seine Sorgfalt als Zeichner, die alle Bewunderer von „Prinz Eisenherz“ immer wieder hervorgehoben haben, hat den Ursprung in diesem ersten Engagement.

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