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Klassiker der Comic-Literatur : Prinz Eisenherz, das bin ich

Die biographische Genauigkeit und die Akribie, mit der sich Foster noch um das winzigste Detail von Kleidungsstücken, Gerätschaften oder Architektur jener Epoche kümmerte, lassen vergessen, daß es ein Mittelalter, wie „Prinz Eisenherz“ es zeigt, nie gegeben hat. Was auch immer seine Phantasie anregte, fand Verwendung, und so fielen in die Lebensspanne seines Helden sowohl Wikingerüberfälle als auch die Eroberungszüge der Hunnen unter Attila. Eisenherz bereist die gesamte damals bekannte Welt, und er gelangt noch darüber hinaus, wenn er schließlich auch Amerika erreicht - pikanterweise nicht weit weg von Fosters kanadischer Geburtsstadt Halifax. Kampftechniken und Waffen von Antike bis Hochmittelalter werden ohne Rücksicht auf historische Authentizität nebeneinander zum Einsatz gebracht, aber jede einzelne ist streng nach den Überlieferungen gezeichnet. Wo es sich zur Charakterisierung einzelner Figuren anbietet, geht Foster sogar noch weit über die Jahrtausendwende hinaus und porträtiert etwa ein dekadentes Hofleben, wie es sich der eher karg lebende britannische Adel vor der Normanneninvasion niemals hätte erträumen lassen.

Eine Carte blanche von Hearst

Als er im Jahr 1936 in die Gluthitze des ländlichen Kansas zog, wo Fosters Frau ihre betagte Großmutter pflegen wollte, hatte der Zeichner vorab ein beruhigendes Pensum an Tarzan-Seiten vorab fertiggestellt, um sich nun in der Abgeschiedenheit des neuen Domizils für einige Monate ganz der Gestaltung seiner eigenen Serie zu widmen. Er zeichnete die notwendigen Fortsetzungen für ein halbes Jahr im voraus, ohne daß er gewußt hätte, ob sich diese Arbeit je auszahlen würde. Dann benachrichtigte er das King Features Syndicate von seiner Idee. Dieses Unternehmen gehörte dem größten Comic-Fanatiker der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, dem Pressezaren William Randolph Hearst. Er hatte sich immer schon den Luxus geleistet, einzelne Zeichner, die ihn begeisterten, gegen alle Widerstände in den eigenen Zeitungen drucken zu lassen. George Herriman, der Großmeister des skurrilen Humors, verdankt ihm das Überleben seiner Serie „Krazy Kat“, die Hearst über mehrere Jahrzehnte subventionierte. Auch Foster gehörte zu den von ihm bewunderten Künstlern, und als sich plötzlich die Möglichkeit ergab, ihn für sich zu gewinnen, gewährte Hearst dem Zeichner nahezu Carte blanche.

Konkret bedeutete das ein Honorar von hundertfünfzig Dollar pro abgelieferter Seite, doppelt soviel, wie Foster für „Tarzan“ bekam, und er blieb Eigentümer seiner neuen Serie, was sich spätestens dann auszahlen sollte, als „Eisenherz“, der am 13. Februar 1937 in acht Zeitungen erstabgedruckt worden war, immer mehr Liebhaber fand. Die Figuren der Serie wurden für Werbezwecke benutzt, und als 20th Century Fox 1954 die Filmrechte erwarb, kostete das die damals schwindelerregende Summe von 50.000 Dollar.

Der Film führte noch einmal den ersten Eisenherz vor, den jungen ungestümen Knappen, der sich erst hochkämpfte, vor Heirat, Familie und Ruhm. Damit wurde ein neues Publikum für die Serie gewonnen, denn erstaunlicherweise waren die alten Folgen jahrzehntelang in den Vereinigten Staaten nicht nachgedruckt worden. Von der vorgeplanten Biographie, die Eisenherz bis ins hohe Alter festgelegt hätte, war Foster da längst zugunsten von alltäglichen Begebenheiten abgewichen. Der Prinz war eine Fiktion, aber doch immer noch auch Wunscherfüllung eines zutiefst romantischen Mannes, der zuletzt nicht zulassen mochte, daß sich das Leben seines nicht minder romantischen Helden erfüllen würde.

Harold R. Foster: Geboren am 16. August 1892 in Halifax, gestorben am 25. Juli 1982 in Spring Hill, Florida. Nach dem Berufseinstieg als Werbegraphiker in seiner kanadischen Heimat siedelte Foster 1921 nach Chicago um, wo er zu einem der gefragtesten kommerziellen Illustratoren aufstieg. Erste Erfahrungen mit Comics machte er wider Willen 1929 mit „Tarzan“. Seine durch die Weltwirtschaftskrise erzwungene langjährige Tätigkeit für diese Serie machte ihn berühmt, aber nicht reich, weil die Rechte an der Figur bei deren Erfinder Edgar Rice Burroughs lagen. Deshalb entwickelte Foster 1937 mit „Prinz Eisenherz“ seine eigene Serie, die er selbst dann nicht aus den Händen gab, als sie zu einem der populärsten Comic-Strips ihrer Zeit geworden war. Die Verfilmung von 1954 mit Robert Wagner in der Titelrolle machte Foster endgültig zu einem der bekanntesten Vertreter seiner Zunft.

Prinz Eisenherz: Foster entwarf bereits die vollständige Biographie seines Helden, bevor er die erste Seite der diesem gewidmeten Comic-Serie zeichnete. Die Kindheit von Eisenherz ist durch die Vertreibung seiner Eltern, des Herrscherpaars von Thule, durch einen Thronräuber geprägt. Gemeinsam mit einigen Getreuen flüchtet die Königsfamilie in ein britisches Sumpfgebiet, wo sie sich ein neues Domizil aufbaute. In dieser unwirtlichen Gegend wird der junge Eisenherz durch das harte Naturgesetz geprägt; er muß lernen, sich gegen feindliche Einwohner und seltsame Fabelwesen zu behaupten, und lernt, daß hart auf hart Spaß macht. Zum jungen Mann herangewachsen, bricht er an den Hof von König Artus auf, um sich dort der Tafelrunde anzuschließen, doch erst als Sir Gawain ihn als Knappen annimmt und nach weiteren zahlreichen Bewährungsproben in Turnier und Krieg empfängt der Prinz ohne Land den Ritterschlag. Von da an ist sein Lebensweg ein einziger Triumphzug: Für den Vater erobert er den Thron von Thule zurück, in ganz Europa kämpft er gegen Aggressoren und Dunkelmänner, er gewinnt die schöne Königin Aleta von den Nebelinseln zur Frau und bekommt mit ihr zwei Söhne. Zugleich altert Eisenherz - eines der wenigen Beispiele, die es in der Comic-Geschichte dafür gibt. Allerdings erzählt Foster nicht in Echtzeit, so daß sein Prinz nach mehr als vierzig Jahren seine Söhne gerade einmal als halbwegs erwachsene Mitkämpfer zur Seite stehen hat.

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