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Klassiker der Comic-Literatur : Kindertheater der Grausamkeit: Peanuts

Bild: United Features Sindicate

Auch im Staat der Zwerge bestimmt Machiavelli die Räson: Bei den Peanuts von Charles M. Schulz wird die Erbsünde urkomisch. Ein „Klassiker der Comic-Literatur“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Mitten im Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 1956 trat Charles M. Schulz in der „Tonight“-Show des Fernsehsenders NBC auf. Einen Tag später erreichte ihn im New Yorker Büro seines Syndikats ein Anruf einer jungen Dame aus der Parteizentrale der Demokraten. Er sei ja „der jüngste Existentialist“, schmeichelte sie dem Dreiunddreißigjährigen, und da er doch bestimmt für Adlai Stevenson sei - könne er der guten Sache wohl mit ein paar Zeichnungen dienen? Schulz bedankte sich höflich und eröffnete der Aktivistin seine Überzeugung, daß Comiczeichner sich nicht in die Politik einmischen sollten. Nachdem er aufgelegt hatte, fragte er den Reporter von der „Saturday Evening Post“, der die Begebenheit überliefert hat: „Was ist ein Existentialist?“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Journalist ließ den Namen Sartre fallen. „Ach ja“, sagte Schulz, „von dem habe ich in der ,New York Times' gelesen. Er sagt, daß es sehr schwierig ist, einfach ein Mensch zu sein, und daß man dagegen nur kämpfen kann, indem man ein aktives Leben führt - das ist sehr wahr.“ Als Charles M. Schulz mit siebenundsiebzig Jahren im Jahre 2000 starb, war er der älteste Existentialist. „Die Hölle, das sind die anderen“: Dieser Satz, der in dem Artikel der „New York Times“ nicht gefehlt haben wird, könnte über dem Eingangstor zur Welt der Peanuts stehen. Denn wen stellte Schulz im letzten der vier Bilder des allerersten Streifens dem Leser vor Augen? Einen kleinen Jungen, der bekennt, wie sehr er einen anderen kleinen Jungen haßt.

          Guter alter Charlie Brown

          Das ist auf den ersten Blick nicht mehr als ein Witz, eine pure Pointe. Man erwartet von der komischen Kurzgeschichte das Unerwartete. Im letzten Bild muß sich ereignen, was sich auf den anderen Bildern nicht angekündigt hat. Beschwingten Schrittes, fast über dem Boden schwebend, kommt ein Knabe daher, den sein breites Lächeln als lustigen Gesellen auszeichnet. Er stellt seine Zufriedenheit nicht zur Schau und auch sonst nichts. Alles Angeberische geht ihm ab, man sieht auch nichts, dessen er sich brüsten könnte. Er trägt ein Sporthemd und kurze Hosen. Man kennt ihn, kennt ihn lang, kennt ihn gut, kennt seinen Namen. Guter alter Charlie Brown! Wer kennt ihn nicht? Guter alter Charlie Brown! Nach drei Bildern kennen wir ihn auch. Guter alter Charlie Brown! Und plötzlich, im letzten Moment, entpuppt sich der liebenswürdige Bursche als Haßobjekt? Das ist eigentlich urkomisch.

          Der Haß ist vollkommen unmotiviert. Man kann über ihn, liest man die Geschichte noch einmal vom letzten Bild her, nur sagen, daß er irgendwie in der Luft liegt. Es können, wo zwei auf dem Bordstein sitzen und ein Dritter vorübergeht, in dieser Welt nicht alle drei gleichzeitig und gemeinsam fröhlich sein. In der Figurenkonstellation steckt vor allem Hinzutreten von Dingen, die nur scheinbar, nur sekundär als Konflitauslöser wirken, ein Programm der Entzweiung. Der Neid ist in diesem anthropologischen Tableau zuerst da und sucht sich seine Anlässe. Für die Bosheit, die zum Menschen gehört und keiner schlechten Motive bedarf, die ein besserer Mensch durch gute ersetzen könnte, gibt es einen theologischen Begriff: die Erbsünde.

          In eigener Sache tätig

          Die Figuren von Charles M. Schulz zieren unzählige Kaffeetassen und Kopfkissen. Er hat alle Nebengeschäfte seiner Strichtheatertruppe überwacht und darauf geachtet, daß nur eigenhändige Zeichnungen als Vorlagen verwendet wurden. In dem künstlerischen Ehrgeiz, der ihn auf Schablonen und Assistenten verzichten ließ, kommt der persönliche Charakter seiner Schöpfung zum Ausdruck. Daß Schulz, auch wenn er Millionen Lesern aus der Seele sprach, in eigener Sache tätig war, verbot ihm, seine Feder dem Kandidaten Stevenson zu leihen - oder dem Amtsinhaber Eisenhower, dem er am Wahltag 1956 seine Stimme schenkte.

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