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Klassiker der Comic-Literatur : Haha, das wird lustig!

Bild: Robert Crumb, Zweitausendeins

Unfreiwilliger Humor ist seine Sache nicht: Bei Robert Crumb ist selbstgerechten Lesern das Lachen verboten. Mit „Fritz the Cat“ brachte er Sex und Gewalt in die Funny-Animals-Comics. Der Altmeister ist ein junggebliebener Wilder.

          Einen persönlicheren Zeichner hat die Comic-Geschichte nicht gesehen - zumindest keinen, der es auch noch geschafft hätte, mit seinen privaten Marotten und Manien beliebt zu werden. Robert Crumb ist ein Phänomen, das sich nur dadurch erklären läßt, daß er mit seinem höchst individuellen Stil genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort hervortrat, nämlich in den späten sechziger Jahren in den Straßen von San Francisco.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es war die Zeit der Blumenkinder, wie Scott McKenzie sie besang, und die Welt blickte derart gebannt auf die kalifornische Hippie- und Studentenszene, daß noch 1970 die neuformierte Popgruppe „Barclay James Harvest“ auf deutschen Festivalplakaten falsch als „Berkeley James Harvest“ angekündigt wurde. Es war in den Zeiten der Politisierung aller Künste ja gar nicht anders denkbar, als daß junge Musiker ihre Band nach jener Universität benannt haben mußten, an der die Studentenbewegung ihren Ausgang genommen hatte. Nicht umsonst siedelte dort auch Michelangelo Antonioni den Beginn seines Films „Zabriskie Point“ an.

          Befreiung eines ganzen Genres

          Robert Crumb kannte vor 1967 keinen Menschen in Kalifornien - und kein Kalifornier kannte ihn. Das sollte sich ändern, als der völlig verschüchterte junge Mann damit begann, die erste Ausgabe von „Zap!“, einem alternativen Comic-Magazin, das er zu weiten Teilen selbst gezeichnet hatte, auf der Straße zu verkaufen. Darin fand sich eine Figur, die alsbald zum Inbegriff des Aussteigers werden sollte: Mr. Natural, ein kleiner älterer Herr mit langem Rauschebart, der entweder nackt oder in einen langen Kittel gehüllt daherkam und wie eine zeitgemäße Hippie-Paraphrase auf den lieben Gott wirkte. Allerdings wurde Mr. Natural den Lesern als „ehemaliger Taxifahrer aus Afghanistan“ vorgestellt, der zum Auftakt seiner Erlebnisse vierzig Tage in der Wüste meditierte - wie es ihm Jesus in der Bibel vorgemacht hatte (Crumb kannte als Sohn einer streng katholischen Familie die Heilige Schrift in sämtlichen Details und zog nach seiner konsequenten Lösung vom Elternhaus immer wieder Motive aus der christlichen Überlieferung heran).

          Allerdings war Mr. Natural während seiner Askeseübungen nicht zu tiefschürfenden Erkenntnissen gekommen, sondern hatte lediglich Heißhunger entwickelt: auf Truthahn (und hier durfte man durchaus an die gängige Bezeichnung von Drogenabhängigen auf Entzug denken). Doch obwohl in dieser fünfseitigen Geschichte nicht viel mehr passiert, als daß der weise Herr vor denkbar reduziertem Hintergrund (Horizontlinie und ständig brennende Sonne) einen wissensdurstigen Jünger enttäuscht, hatte dieser Comic gerade durch die Beschränkung seiner Mittel eine immense Wirkung. Die Freiräume, die er den Lesern für eigene Interpretationen ließ, wurde als Befreiung eines ganzen Genres aufgefaßt, und noch dreiunddreißig Jahre später brachte der Crumb-Bewunderer Art Spiegelman in einem seiner Titelbilder für den „New Yorker“ eine subtile Hommage an „Mr. Natural“ unter: Angesichts der kurz nach den Attentaten vom 11. September 2001 begonnenen amerikanischen Angriffe auf das angebliche Heimatland von Mr. Natural zeichnete er zu Thanksgiving Bombergeschwader, die über einer Wüstenlandschaft Truthähne abwarfen.

          Funny-Animal-Comics mit erwachsenen Themen

          Spiegelman, der kurz nach Crumb in Kalifornien eintraf und wie dieser durch Harvey Kurtzman gefördert wurde, hätte ohne die Vorarbeit des fünf Jahre Älteren nicht zu dem spezifischen Ausdruck gefunden, der ihn heute zu einem der berühmtesten Zeichner hat werden lassen. Denn es war Crumbs „Fritz the Cat“, der zum erstenmal eine Variation der Funny-Animal-Comics hin zu erwachsenen Themen versuchte. Nachdem es Crumb gelungen war, Sex and Crime in die als kindgerecht betrachteten Tierfigurengeschichten einzuführen, setzte Spiegelman mit seinem Comic „Maus“ diese Linie auf historischem Gebiet fort und erzählte die Geschichte seines polnischen Vaters, eines Juden, in den Vernichtungslagern der Deutschen - ebenfalls als Funny-Animal-Comic.

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