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Klassiker der Comic-Literatur : Es zuckt der gewisse zündende Funke

Donald Duck: Ein Entenleben Bild: dpa/dpaweb/Disney

Die tollsten Reflexe von Donald Duck: Carl Barks, Physiognomiker und Anatom unserer Zeit, läßt die Ente über den Menschen hinauswachsen. Donald Duck ist Autodidakt wie Barks selbst.

          Was hätte Donald Duck zu unserer Bibliothek mit Klassikern der Comic-Literatur gesagt? Nicht in meinem Haus! Jedenfalls für den ersten Band der Kollektion hätte Duck schwerlich ein Plätzchen im Regal freigeräumt. Dabei stehen dort sowohl Klassiker der Weltliteratur wie Tolstois „Krieg und Frieden“ als auch Klassiker der Selbsthilfeliteratur wie wohl die komplette „Du und“-Reihe: „Du und das Wasser“, „Du und die Sandbänke“ und so weiter. Und dürfen die vor vier Wochen an dieser Stelle vorgestellten Geschichten von Superman nicht als der einzige Selbsthilfeklassiker gelten, der weltliterarische Wirkung erlangt hat? Der selbsternannte Hilfspolizist zog die Vereinigten Staaten eigenhändig aus dem Loch der Depression. In der Gestalt des Einwanderers aus dem Weltraum schuf sich der amerikanische Individualismus sein Götterbild.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          1949 brachten Donald Ducks Neffen Hefte mit Berichten über den „Supermenschen“ ins Haus, einen mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Detektiv (im Original „Super Snooper“), der, wenn er die Superhirne der Unterwelt ans Tageslicht befördern will, mit dem kleinen Finger einmal kurz die ganze Oberwelt beiseiteschiebt. Der Onkel gebot seinen Schutzbefohlenen, jeden Umgang mit dieser albernen Erfindung einzustellen, und konfiszierte die Schundhefte. Comiczeichner handelten in Ducks Augen unverantwortlich: Sie setzten den Kindern nichts als Flöhe in die Ohren. Duck, ein Autodidakt wie Carl Barks, der von ihm erzählt, predigt den Positivismus, eine Philosophie des beherzten Zugriffs auf eine in Einzeldinge zerfallende, nach vernünftigen Gesetzen geordnete Realität. Die Kinder sollen sich mit Physik beschäftigen. Dann werden sie lernen, daß Kometenschwänze sich nicht verknoten lassen und daß man selbst mit supergesunden Zähnen - die Ducks haben Zähne, auch wenn man sie bei geöffnetem Schnabel nicht sehen kann; zum Mond reist Duck nicht ohne seine Zahnbürste - Eisenträger nicht wie Kekse knabbern kann.

          Donald möchte lieber etwas Größeres sein

          Eigentlich müßte dem Pädagogen Duck alle Lektüre suspekt sein außer dem Buch der Natur. Comicleser kommen ihm nicht ins Haus, weil das Leben draußen stattfindet. Die Kinder, so die Weisung in einer Zehn-Seiten-Geschichte von 1954, sollen das Leben der Ameisen studieren. Die fragten nicht lang, was sie tun sollten, die täten eben etwas. Paradox des positivistischen Erziehungsprogramms: Man befrage die Natur solange, bis man fraglos wie sie funktioniert. In dieser Begebenheit kommt es zur Katastrophe, weil die Neffen ihre Studienobjekte ins Haus bringen - ohne zu fragen. Die in der Garderobe abgestellten Termiten tun, was sie tun können und was sie tun müssen: Sie fressen Duck den Sessel unter dem Bürzel und das Haus über dem Kopf weg. Dem Supermenschen wollte Duck solche Taten nicht abnehmen; gegen die Gewalt des Naturprozesses ist der Widerstand des Unglaubens zwecklos. Zu den artgerechten Aktivitäten der Termita enorma blanca publizierte der „Spiegel“ einen Leserbrief des Naturforschers Hans von Storch, des Gründers der D.O.N.A.L.D., der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus - eine der ersten öffentlichen Manifestationen der deutschen Donaldisten.

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